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Perikard / Herz

Eröffnetes Perikard, Modul 2, Teil 1

Eröffnetes Perikard.

Die in situ-Präparation wurde für abgeschlossen erklärt. 

,,Herausnehmen, nicht ?”, der Hiwi blickt sich nach dem Dozenten um.

,,Hmm, ja.” Er gibt noch einen Schwall an Worten von sich. Doch ich höre nicht mehr richtig zu. Meine Körperhaltung hat sich verändert. Ich strecke die Hände aus, nach dem Organ.

Mir ist aufgefallen, dass ich manchmal auf seltsame Weise mit unserer Leiche interagiere.

Heute beispielsweise, als ich den Dozenten nach der Größe der Prostata gefragt habe. ,,Hyperplastisch, nicht?” . Während er antwortete, tippelte ich nachdenklich auf den Rippen herum. An den Rippen halte ich mich manchmal fest, wenn wir etwas besprechen oder abgefragt werden. Nicht ganz ungefährlich, denn die die abgesägten Rippenfragmente sind irrsinnig scharf.

Als wir an der unteren Extremität präpariert haben, war es der Unterschenkel, der mir eine gewisse Stabilität gab. Während wir die Leitungsbahnen des Retrositus besprachen, fuhr ich gedankenverloren den Musculus sartorius lang. Die Muskelgruppen der unteren Extremität sind so viel weniger konfus als der Situs. Thorax. Abdomen. Pelvis. Brust-, Bauch- und Beckenhöhle. Besondere Peritonealverhältnisse, alles irgendwie irgendwo verwachsen, umschlungen und umschnürt von Leitungsbahnen. Es ist ein Gewurschtel mit viel innerem Gesöff, wie ich es am  Ende getauft habe.

Da stehe ich nun. 

Meine Hände wollen greifen, wollen fassen. Das Herz sieht wenig vielversprechend aus. Doch, um ehrlich zu sein, trifft das auf die meisten der Organe im Situs unseres Spenders zu. Deswegen auch inneres Gesöff. Das Herz aber, das will ich.

Wenige Momente später halte ich es in Händen und greife in die Öffnungen hinein. Jetzt ist es noch schwer. Jetzt erscheint es wenig elastisch. Denn es ist gefüllt mit dunklen Brocken. Kristallisiertes, altes Blut. 

Ich arbeite einige Zeit daran, dann reiche ich das Herz weiter an den Zahnmediziner, der mit mir präpt. Er begutachtet. ,,Audrey?”, fragt er. ,,Ja?” ,,Würdest du sagen, dass das schon alles war? Ist das feste in dem Herzen eine Wand oder sind das noch diese Dinger?”, er deutet auf die silberne Schale mit Blutbrocken, die wir dem Körperspender auf den Bauch gelegt haben. ,,Gib mal her.” Etwas energisch pule ich in dem Herzen herum. Ich glaube ich hatte meinen Finger im Arcus aorticus. Plump. Noch ein Brocken fällt heraus. Ich blicke das Organ prüfend an. Vom Nachbartisch kommen Schaulustige. ,,Schau mal, bei denen ist das Herz draußen.” Da ich mich nun ausreichend orientiert habe, erkläre ich den Neuankömmlingen was man erkennen kann und wie man sich am besten Orientierung erlangt. Vena cava superior et inferior. Einfach Finger durchstecken und schon hat man die Körperachse. Dann auf den Apex achten. Linke Lage, von ventral nur die rechte Seite sichtbar, mit Ausnahme eines Teils des Apex und der linken Auricula. 

,,Kann ich das Herz auch mal halten?”, fragt einer vom Nebentisch.

,,Klar, warte.” 

Ich drehe das Herz und drücke, damit das Phenoxyethanol herauslaufen kann.

Der Student muss lachen. ,,Warte, erstmal ausschütten oder was?  Mensch ist das morbide.” 

Es ist einer dieser Momente, die nur im Präpsaal als normal angesehen werden können.

Man sagt uns, dass nun die Eröffnung des Herzens ansteht. Der Dozent schlitzt den rechten Ventrikel auf. 

Als er schneidet, würde ich am liebsten den Blick abwenden. Es verleiht dem Herzen ein mehr oder weniger labbriges Erscheinungsbild. Ich stelle resigniert fest, wie es mir etwas die Begeisterung an dem Organ raubt.

An dem herausgeschnittenen Organ soll nun eine sorgfältige Darstellung der Segel der Valva atrioventricularis dextra, also der Trikuspidalklappe erfolgen. Uns wird aufgetragen, die Trabecula septomarginali, also das Moderatorband zu identifizieren. Der Dozent zeigt uns, wie sich die Wände des linken und rechten Ventrikels bezüglich ihrer Dicke unterscheiden. Zack. Die Aorta ascendens sowie der Truncus pulmonalis sind durchgeschnitten, unmittelbar oberhalb der Taschenklappen. 

Plötzlich muss ich an etwas denken, was ein Famulant im Krankenhaus einmal zu mir gesagt hat. ,,Wenn du Chirurgin werden willst, dann muss dieser Kurs ja eine einzige Inspirationsquelle für dich sein.” 

Hmm. Ich finde diesen Kurs tatsächlich unglaublich lehrreich.  Manchmal nahezu berauschend. Aber eben nicht immer. Manchmal erinnert mich das ganze auch mehr an ein Gemetzel und ich tue mich schwer damit, mir vorzustellen, dass der Körperspender einmal ein lebendiges Mitglied unserer Gesellschaft war. 

Außerdem möchte ich zu Bedenken geben, dass das Präparieren wenig mit der fein-abgestimmten Choreographie einer Operation zu tun hat. Alleine schon deswegen, weil das Blau fehlt, der sterile Aufenthaltsbereich, mitsamt den akribischen OP-Schwestern, die bereit sind, alles platt zu wälzen und wegzubulldozern, was diesem Bereich zu nahe kommt. 

Meiner Freundin hat man einmal im OP gesagt, dass sie, falls ihr beim zuschauen schwindelig wird, doch bitte darauf achten soll, außerhalb des sterilen Bereichs umzukippen. Genau mein Humor.

Ich blicke zu unseren Tischkollegen. Sie stehen am Körperspender und präparieren gerade das, was hinter dem Herzen zurückgelassen wurde. Nervus phrenicus. Nervus vagus, rechts und links. Ein Freund von mir meinte einmal, der Phrenicus sei ein dankbarer Nerv. ,,Audrey, den findest du sicher. Das sieht aus, als ob das Herz an dem aufgehängt sei.” 

Ich betrachte den Körperspender. Der Ösophagus ist in sich zusammengesunken und leicht nach links verschoben. Beide Stränge den Nervus vagus kommen von links, der linke geht direkt zum Herzen. 

Der Nervus phrenicus ist mit dem Zwerchfell verbunden. Ein Teil davon geht durch das Foramen venae cavae, der andere verläuft durch die Muskeln am Zwerchfell. 

Den Thorax mag ich mehr als das Abdomen. Eine Kommilitonin nimmt eine stumpfe Pinzette und hebt eine Struktur an. Es könnte die Arteria pericardiacophrenica sein. Auf den Nervus phrenicus sollen wir achten, ,,Nicht abreißen!”, hat uns der Hiwi eingeschärft. ,,Sonst springt euch der Dozent an die Gurgel.” Nun nimmt die Kommilitonin ein Skalpell zur Hand und fährt den Nerven entlang. Dafür soll man eigentlich lieber eine Pinzette nehmen. Allerdings habe ich auch schon das Skalpell benutzt für sowas. Sie schabt. Ich schließe die Augen. Mal wieder bin ich wahnsinnig müde. Ausgeschöpft. Das Schaben an den Nerven, sukzessive Entfernen von dem, was sie schützend umhüllt, das ist geradezu metaphorisch.

Ich störe mich daran, dass ich das Gefühl habe, nicht hinterher zu kommen. Lunge, Herz, Ösophagus, Leitungsbahnen… Da müht man sich mit dem Thorax ab und der Dozent bekommt auf einmal Lust, Strukturen des Abdomens zu erfragen. Wenn der Dozent dann noch den ersten Kurstag mit den Worten ,,Ich bin Entwicklungsbiologe, das heißt Entwicklung ist wichtig. Haha!”, eröffnet, dann nimmt der Spaß an der Sache nicht zwingend zu. Aber gut, wir tanzen nach der Pfeife unserer Dozenten, was ist schon die Alternative. Also mühe ich mich mehrere Tage mit dem Herzen ab, welches eine absolut nervige Entwicklungsgeschichte hat. 

Der Dozent erfragt die Mündung einer Struktur des Bauch-Beckenbereichs. Ich bin überfragt.

Zwei Kommilitonen sprechen gleichzeitig, entschuldigen sich beieinander und bieten der jeweils anderen das erste Wort an. ,,Kein Problem. Lieber streiten sich zwei darum, etwas zu sagen, als dass gar nichts gesagt wird.”, er blickt mit einer Mischung aus Provokanz und Vorwurf in unsere Richtung. Wir stehen am Fuße der Leiche, ich habe die Finger auf der Schale mit dem Herzen. Ich hatte den Plan gefasst, mich topographisch an die Organe heranzutasten. Von oben bis unten. Ich hatte während der Abfrage den Kopf gesenkt und mich in Schweigen gehüllt. Doch jetzt blicke ich ihm entgegen. Ein wenig von seiner Provokanz aufgreifend. Was soll das denn? 

Vorhin hat er noch bei mir gestanden und mich zum Herzen befragt, ,,Rechtsversorger oder Linksversorger?”. Meine Vermutung war, dass es sich um einen Rechtsversorgertyp handelt. Schließlich geht aus der Arteria coronaria dextra die Arteria interventricularis posterior hervor, die ziemlich ausgeprägt ist. Auch zum Truncus sympathicus konnte ich ein wenig etwas sagen. Aber Abdomen? Nein. Wenn ich bereits jetzt alles wüsste, dann könnte ich ja auch nach Hause gehen. Ich blicke auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde. Im zweiten Modul wurden aufgrund von Corona die Kurszeiten halbiert. Es gibt jeden Tag eine späte und eine frühe Gruppe. Man munkelt, das vierte und letzte Modul wäre ganz online. Eine Möglichkeit, die unter den Studenten großes Unbehagen auslöst. 

Mir erscheint die coronabedingte Organisation der Kurse ein wenig inkonsequent, wenn man sie mal ein wenig kritisch betrachtet. Niemand kann bestreiten, dass im zweiten Modul an so gut wie jedem Tag, an so gut wie jedem Tisch mehrfach Schniefen oder Husten zu hören war. Es sind wirklich viele krank gewesen.

Negativ getestet, selbstverständlich. Grippe muss es gewesen sein, kein Corona. Es war trotzdem nicht gesundheitskonform, dass die Studenten alle zum Kurs erschienen sind.  Doch die Studenten hatten einerseits die Befürchtung, etwas zu verpassen. Andererseits- und das ist meiner Meinung nach der springende Punkt- haben wir nur begrenzt Fehlzeiten zur Verfügung. Zweimal darf man fehlen, danach ist der Puffer verbraucht. In anderen Fächern ist es noch strenger gehandhabt. Da darf man dann beispielsweise zwei Kurstage nicht bestehen, muss aber an 100% partizipiert haben. Ich habe bis jetzt noch keine einzige Fehlstunde. Ich habe mich ebenfalls unverantwortlich verhalten, schließlich ging es mir zwischenzeitlich ziemlich miserabel. Aber ich kann nicht ausschließen, dass es mich im Winter nochmal so richtig erwischt. Ich kenne viele, die ihre Fehlzeiten nun vollständig ausgeschöpft haben. Was macht meine Freundin, wenn sie sich in Quarantäne begeben müsste? Wir wissen es nicht. Sie war jedenfalls verantwortungsbewusster als die meisten und hat sich dagegen entschieden, mit Fieber im Kurs zu erscheinen. 

Neben mir steht ein Tischkollege, den es fast zwei Wochen erwischt hatte. Auch er ist nicht erschienen. Etwas ratlos betrachtet er die Lunge. Ich versuche ihm eine Erklärung von dem zu geben, was wir am Lungenhilus sehen können. ,,Schau mal, fahr mal mit den Fingern den Bronchus lang. Spürst du, wie knorpelig das ist.” 

Aber ich sehe ihm auch an, dass er sich sorgt. Es sorgen sich  nicht wenige, um ihr Bestehen. Der Druck, den wir selbst auf uns ausüben, liefert sich ein Wettrennen mit dem Druck, den die Professoren auf uns ausüben. 

Ich schwinge eine Motivationsrede. ,,Schaut mal, wir haben noch eine Woche Zeit.” Die Kohorte B wird diesmal vier Tage früher geprüft, als die Kohorte A, der wir angehören. ,,Noch ist nichts verloren.”

Nachdem wir aufgeräumt haben, unterhalte ich mich mit einer Kommilitonin. Auch sie schaut sehr verzweifelt und wirkt zermürbt. Ich spreche ihr Mut zu und drücke ihr die Schulter. Von der Seite nähert sich ein mir unbekannter Professor. Er hat meine aufmunternden Worte gehört. Er sieht ihren Blick.

Seine Haltung ist leicht gebeugt. Die Art wie er den Kopf nach vorne gesenkt hat, erinnert mich unwillkürlich an einen Geier. 

,,Sind Sie Hiwis?”, fragt er uns. ,,Nein.”, antworten wir verwirrt.

,,Dann müssen Sie jetzt verschwinden. Sie müssen den Saal verlassen haben, bevor die späte Gruppe kommt.”

Wir gehorchen.

Dieser Moment hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt. 

Er hat mir mal wieder vor Augen geführt, welche Art Menschen sie in der Medizin haben wollen. Funktionsfähige Wesen. Schwäche wird nicht geduldet.

Ich erinnere mich an einen Moment aus der Neurochirurgie. 

Ein relativ junger Chirurg hatte sich zu den Schwestern ins Stationszimmer gesetzt. Er hatte seine Operation beendet und teilte uns erfreut mit, dass es zum ersten Mal seit langem ein ruhiger Tag sei. Da betrat sein Kollege den Raum. Er trug die blauen Operationsklamotten und die violette Haube noch am Leibe. Nachdem er seinen gut gelaunten Kollegen betrachtet hatte, fragte er ihn, ob er denn nichts zu tun habe. Der junge antwortete, dass es wohl kein allzu stressiger Tag werden würde. ,,Dafür muss man dankbar sein. Hat man ja nicht oft.”

,,Aha, ja.”, der andere lachte. Doch es war kein ehrliches, kein freundliches Lachen. Es war eine Spur Spott herauszuhören.

Später meinte der junge Chirurg zu uns: ,,Das ist Medizin. Es darf keinen Spaß machen. Man soll nicht essen, nicht schlafen, nicht trinken. Nur funktionieren. Arbeit ist nicht Arbeit, wenn sie nicht gleichbedeutend ist mit Leid. Das ist schade. So muss das nicht sein.”

Man hörte ihm den Frust an. Die Schwestern stimmten ihm zu. 

Ich blickte von meinen Aufschrieben auf und nickte.

,,Du darfst gar nichts sagen, Audrey, du nutzt die Pausen hier auch nur, um für Prüfungen zu lernen.”, lachte eine Pflegerin. 

Ich zuckte mit der Schulter.

Ich habe das System nicht erfunden.


Autorin:

Audrey

Coucou, mein Name ist Audrey und ich bin eine aufgeweckte Medizinstudentin aus Freiburg!

Derzeit befinde ich mich ich im vierten Fachsemester Humanmedizin der Albert-Ludwigs-Universität. Ich bin unternehmungslustig, neugierig und nehme mich selbst meistens nicht allzu ernst. Hier schreibe ich ehrlich und ungeschönt über das Medizinstudium, das Studentenleben und so manches anderes.

Mach dir doch einfach dein eigenes Bild. Bis dann!

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