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Gesundheit Krankheit Medizinstudentin

Eine Frage der Gesundheit

Es ist egal, wer du außerhalb dieser Türen bist, hier bist du nur einer von vielen. 

Die Person neben dir auf dem Laufband, die könnte alles sein. Koch, Schriftsteller oder Oberstaatsanwalt. 

Die Menschen genauso bunt wie die Handtücher, die sie bei sich tragen. 

Jeder verfolgt hier seine eigene Mission. Man führt eine große Koexistenz zwischen den vielen ungewöhnlichen Gerätschaften.

Es ist ein Ort, an dem jeder auffällt und zugleich alle untergehen.

,,Wer hat die größten Hemmungen das Fitnessstudio zu betreten?”, habe ich neulich mit einem der Trainer diskutiert. 

Ich selbst gab zu, erst einige Zeit gebraucht zu haben, um meine mentalen Hemmungen abzulegen. Sie mir einzugestehen und dagegen vorzugehen. 

Er war sichtlich überrascht. ,, Bei mir ist das zu lange her. Ich weiß gar nicht mehr, wie das damals war, als ich angefangen habe.”

Wer also hat die größten Hemmungen? ,,Ich wage zu vermuten, dass die Hemmschwelle bei Frauen durchaus höher sein kann.”, kam es von mir.

Er tippte, dass es vor allem korpulentere Menschen wären. 

Später dachte ich noch weiter darüber nach.

Womit muss ein Fitnessstudio werben, damit mehr Leute davon angezogen werden? Mit attraktiven, durchtrainierten Athleten oder mit Menschen, die man als eher gewöhnlich bezeichnen würde? Mit ,Traumkörper’ oder mit ,Menschen wie du und ich’?

Letzten Endes hatte ich ja auch nicht angenommen, dass ich auf so viele Menschen der Kategorie ,,Wie du und ich” treffen würde. Es schafft jedoch eine Atmosphäre, in der man sich wohl fühlt.

Meine Lieblingsfitnessstudiogänger sind jedenfalls die alten Damen, mit denen ich mich schon häufiger in der Umkleide unterhalten habe.

Ich finde es absolut bewundernswert, wie sie nicht nur ,,obwohl” sondern gerade ,,aufgrund” ihres fortgeschrittenen Alters trainieren gehen. Wie sie etwas gegen Alters- und Rückenbeschwerden und somit für ihr Wohlbefinden unternehmen.

Der tägliche Gang ins Fitnessstudio ist für sie eine Direktinvestition in ihre Gesundheit.

Was braucht es, damit mehr Menschen diese Investition tätigen? Nicht nur in Bezug auf das Fitnesstudio, sondern auf gesundheitsfördernde Maßnahmen allgemein?

Es ist letztendlich auch die Frage danach, was Patienten zu mehr Compliance bewegen könnte.

Wofür lohnt es sich denn überhaupt gesund zu sein?

Betrachten wir das Ganze zunächst aus der Sicht des Behandelnden. 

Inwiefern besteht ihr Behandlungsziel darin, Menschen ,,gesund” zu machen?

Womöglich könnte man formulieren, dass sie den Patienten zu Gesundheit verhelfen wollen, damit diese einer Norm entsprechen. Provozieren wir ein wenig, indem wir uns fragen ,,Was ist schon ‘normal’?”.

Die Medizin verfügt nicht über einen, sondern über viele verschiedene Normbegriffe. So orientiert sich die statistische Norm an statistischen Parametern, die Idealnorm an der WHO, und die Funktionsnorm an der Funktionalität im alltäglichen Leben. Darüber hinaus sind noch die diagnostische und die therapeutische Norm zu nennen. 

Wenn der Zustand eines Patienten von diesen vorgegebenen Normen abweicht, bezeichnet man ihn aus medizinischer Sicht also als ,,krank”.

Okay. Soweit, so gut. Aber was heißt das jetzt konkret, gesund sein, um einer Norm zu entsprechen?

Nochmal einen Schritt zurück. Zurück zum Kranksein. Das ist verbunden mit einer gewissen sozialen Hilfsbedürftigkeit und der Entbindung von sozialen Verpflichtungen.

Demnach geht es den Behandelnden mit gesundheitsfördernden Maßnahmen vor allem um soziale Reintegration. Die Betroffenen sollen wieder zur Ausübung einer Rollenverpflichtung befähigt sein. 

Gesund sein, um zu funktionieren, also? Und funktionieren, um zu leisten?

Hmm. Kommt man dann wieder auf die Pfeiler unserer Leistungsgesellschaft zu sprechen? 

Das löst keine positiven Gefühle aus. 

Gesund sein, um Verpflichtungen nachzugehen? Nein, tut mir leid. Das reicht nicht aus. Dafür lohnt es sich nicht, gesund zu sein.

Wie wäre es aber, wenn man das Ganze positiv formuliert? Soziale Verpflichtungen sind ja lediglich das, was wir in Kauf nehmen, um Teil der Gesellschaft zu sein.

Demnach geht es dem Behandelnden doch auch um soziale Integration. Der Patient soll gesund sein, damit er Teil eines Ganzen sein kann. Die Erhaltung seiner Integrationsfähigkeit bewahrt ihn vor sozialer Isolation.

Also könnte man die Frage des Wofür folgend beantworten: 

Gesund sein, lohnt sich für unsere Gesellschaft, unsere Familie, unsere Freunde und vor allem für uns selbst. Damit wir die soziale Rolle ausüben können, die wir gerne ausüben wollen. Es geht also ein Stück weit auch um Selbstverwirklichung und um Freiheit.

Dabei ist es dem Behandelten überlassen, wie er mit seiner Gesundheit bzw. Freiheit verfährt. Wie ist es, wenn es sich um jemanden handelt, dessen Selbstverwirklichung beispielsweise in der Ausübung eines gesundheitsgefährdenden Extremsports besteht? Gar nicht so leicht für den Behandelnden. Ihm bleibt wohl nichts übrig, als dem Patienten davon abzuraten und seine Freiheit zu akzeptieren/respektieren.

Ich denke die einfachste Antwort auf das ,,Wofür?” ist jedoch, dass Gesundheit zu unseren Grundbedürfnissen gehört. Es entspricht also gewissermaßen unserer Intuition, körperliches und psychisches Wohlbefinden zu fördern. Selbsterhaltung ist letzten Endes auch ein Trieb.

Gesundseinwollen, gar nicht so abwegig, also. 

Nun gut. Wenn nun aber so viel dafür spricht, Gesundheit zu erhalten bzw. wiederzuerlangen, stellt sich nun die Frage, was uns davon abhält, etwas in unsere Gesundheit zu investieren.

Was könnte Gesundheit denn kosten?

Wer Spaß an Tabellen und Graphiken hat, darf gerne das Statistische Bundesamt dazu befragen: 440,6 Mrd Euro Gesundheitsausgaben (Stand 2020) könnte so eine Hausnummer sein. 

Materielle Umstände spielen eine entscheidende Rolle, keine Frage. 

Sozioökonomische Unterschiede, verbunden mit unterschiedlichen Karriere- und Bildungschancen. Ein und derselbe Preis für eine Einrichtung ähnlich dem Fitnessstudio ist eben doch nicht ein und derselbe Preis für alle Menschen. Relativ gesehen.

Insbesondere Bildungsunterschiede schlagen sich in Bereichen wie ,,Sportliche Aktivität” ziemlich deutlich nieder. 

,,Für die Sportbeteiligung ist im Zeitraum 1994 bis 2017 eine deutliche Zunahme festzustellen. In der Altersspanne von 30 bis 64 Jahren hat sich der Anteil der Männer und Frauen, die in den vergangenen vier Wochen keinen Sport getrieben hatten, in allen Bildungsgruppen verringert. Bei Personen mit hoher Bildung zeichnet sich diese Entwicklung aber noch deutlicher ab als bei Personen mit mittlerer und niedriger Bildung, wodurch sich die Bildungsunterschiede in der sportlichen Inaktivität über die Zeit eher vergrößert haben.“

[Nähereres hier:Gesundheitsausgaben in Deutschland – Statistisches Bundesamt (destatis.de)]

Okay, erwarte ich also demnach eher Anwalt als Bauarbeiter neben mir auf dem Laufband? Womöglich.

Wagen wir es, ein wenig Abstand vom Materiellen zu nehmen.

Sagen wir, alle hätten uneingeschränkt Zugang zu allen Instrumenten der Gesundheitserhaltung.

Dann erkennen wir, dass es eine weitere nicht unerhebliche Hürde gibt, die hinzu kommt. Ich spiele auf die Investition von gerade der Motivation, Mühe oder Disziplin an, die nötig ist, damit wir uns aus unserer Komfortzone bewegen. 

Als Person korpulenterer Statur mit dem Schwimmen zu beginnen, kostet sicher Überwindung. Mit Akne zum Dermatologen oder zur Apotheke zu gehen, sicher ebenso.

Aber auch mit Depressionen oder Angststörungen das Haus zu verlassen. Stichwort psychische Gesundheit. 

Eine Therapie anzufangen oder sich in einer Selbsthilfegruppe anzumelden kostet Überwindung. 

Obwohl es sich um mehr als sinnvolle Maßnahmen handelt, fällt es den Betroffenen oftmals schwer, sie umzusetzen. Weil es um mentale Hürden geht.  Um Schwäche, die man sich eingesteht. Weil man sich angreifbar und verletzbar macht.

Selbst als Behandelnder ist man in der Situation ein Stück weit wirkungslos. 

Weil man den Betroffenen unmöglich alle Ängste nehmen kann. Zumal nicht alle Ängste unberechtigt sind. Insbesondere die Angst vor ,,Labeling” durch unsere Gesellschaft.

Mit Sicherheit hat sich in den zurückliegenden Jahren viel getan. Aber eben doch noch nicht genug. Die Stigmatisierung von (insbesondere psychischen) Erkrankungen ist weiterhin ausgeprägt.

Überraschenderweise scheint mir das gerade im Krankenhaus ein großes Thema zu sein. 

Als unauffällige Pflegepraktikantin bekommt man so einiges mit. 

(Vor)Verurteilung von psychischen Erkrankungen, sowohl unter Ärzten, als auch in der Pflege kommt zuhauf vor. Dabei kann die Verurteilung durchaus über das akute Vorhandensein der Erkrankung hinausgehen. Selbst vor zurückliegenden Erkrankungen macht die Stigmatisierung keinen Halt. 

Dabei kann sich vermutlich niemand von uns wirklich frei von Vorurteilen wissen.  

Ich zumindest nicht.

Aber ich denke nicht, dass das ein unveränderlicher Zustand ist. Ich denke, dass man diesen Makel als Ansporn nehmen kann, seinen Mitmenschen aufgeschlossener zu begegnen. Gut zuzuhören, wenn sie einem von sich erzählen. Ihnen das Gefühl der Verletzbarkeit zu nehmen. Oder es zumindest zu reduzieren.

Zum einen, weil man nicht ausschließen kann, irgendwann mal auch in eine ähnliche Situation zu kommen. 

Vor allem aber, weil das ein schöneres Miteinander schafft. 

Mit viel Verständnis füreinander. Womöglich resultiert dann auch mehr Verständnis für einen selbst. Weil man es dann eher zulässt. 

So kann auch aus mehr sozialem Feingefühl mehr Gesundheit resultieren.

Und eine angenehmere Koexistenz. Mit oder ohne ungewöhnlichen Geräten um einen herum.


Autorin:

Audrey

Coucou, mein Name ist Audrey und ich bin eine aufgeweckte Medizinstudentin aus Freiburg!

Derzeit befinde ich mich ich im vierten Fachsemester Humanmedizin der Albert-Ludwigs-Universität. Ich bin unternehmungslustig, neugierig und nehme mich selbst meistens nicht allzu ernst. Hier schreibe ich ehrlich und ungeschönt über das Medizinstudium, das Studentenleben und so manches anderes.

Mach dir doch einfach dein eigenes Bild. Bis dann!

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