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Zinkernder Smiley Aufkleber Sticker als Erkennungszeichen zwischen Medizinstudenten in Freiburg

Durchgeplant und Vorbereitet? Teil 2

Ein Sticker-Imperium und ADHs am Buffet

Es ist irrsinnig heiß in Freiburg. 

Ich zerfließe förmlich auf dem Weg zur Chemie-Bib

Es ist meine ,Morgens’-Bibliothek. Die passende Zwischenstation, wenn man zu Physiologie- bzw. Biochemie- Praktika/Seminaren/Vorlesungen oder ins Labor muss. 

Die Bibliothek hat mich bei Regen immer in ihren Bann gezogen. Doch mittlerweile lerne ich sie auch bei Sonnenschein lieben. Lichtdurchflutet. Das Grün des Institutsviertels schimmert durch die Glasscheiben. Es ist eine wunderschöne Bibliothek. Um Längen schöner als die UB. Sie trifft das perfekte Maß an Modernität und verträumt-vintage. 

Aber es ist nur meine Morgens-Bib. Nachmittags sieht man mich hier nie. Wieso? Ich weiß es nicht. Ich habe meine Routinen.

Chemische Lesesäle Freiburg
Chemische Lesesäle Freiburg

Ich muss mehrfach meine Flasche auffüllen gehen. Es. Ist. So. Heiß. Selbst, wenn die Bibliothek angenehm klimatisiert ist. 

Erst später merke ich, dass ich mich genau hinter eine Freundin gesetzt habe. Nach ihrer Pause setzt sie sich neben mich. Routiniert nehme ich ihr Handy an mich, drehe es um und versehe die Rückseite mit einem kleinen Sticker. Er ist dort nicht der erste seiner Art.

Die Sache mit den Stickern ist folgende: 

Sie sind der erste Schritt auf dem Weg ein Imperium zu erbauen. Das Audrey-Imperium. Wenn man durch Freiburger Lesesäle wandert, durch die Kantinen und Lehrgebäude, durch die Stockwerke der UB, dann findet man sie immer wieder. Auf Handyhüllen, auf Ordnern, in Terminkalendern, auf technischen Geräten (deren Innenkamera nicht abgeklebt ist)  und auf Laptop-Tastaturen. Orange, schwarz, hellblau. Klein und rechteckig. In der Regel etwa erbsengroß. Das Motiv gewählt, je nach Bedarf. Menschen, die mit mir ,,bibben” gehen, bekommen einen. Menschen, die sich neben/mit mir durch universitäre Herausforderungen, wie z.B. Augenphysiologie-Praktikum bis 18 Uhr kämpfen, bekommen einen. Weil ein Sticker eine sehr simple Art ist, Menschen glücklich zu machen. Sowohl in Bezug auf den ,Bestickten’ als auch den ,Stickenden’. Ja, an Neologismen muss nicht gegeizt werden, wenn es um meine Sticker-Philosophie geht. Ich erinnere mich, wie ich einmal zu einer befreundeten VWL-Studentin sagte: ,,Weißt du, irgendwann sitzt du in der UB. In einem beliebigen Stockwerk. Und plötzlich entdeckst du auf dem Platz neben dir jemanden, der auch einen Sticker auf seinem Notizbuch hat. Dann weißt du Bescheid. Es wird dann das geheime Erkennungsmerkmal meiner Leute.”

,,Eine Audrey-Armee quasi.”

,,Du hast den Spirit erfasst.”

Nur einmal hat eine (erstmals) bestickerte unerwartet auf ihren Sticker reagiert.

,,Heyyy, was machst du da? Geht das wieder ab?”

Ich fasste mir theatralisch an die Brust. ,,Wie kannst du so herzlos reagieren.”

Sie pulte den Sticker ab – das kleine hellblaue Quadrat zierte ein lächelnder Smiley “;)” – und klebte ihn sich seelenruhig auf die Stirn. Dann widmete sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Physiologie-Praktikumsleiter vor uns. Ich gluckste vor mich hin, kaschiert von meiner FFP2-Maske. Wenn sie ihre Stirn passender als die Tablethülle findet, soll sie nur.

Zurück zur Chemie-Bib. 

Gemeinsam mit meiner Bib-Kollegin-des-Tages geht es nun – einmal um die Ecke geradelt- zum BC-Seminar. Das riesige Gebäude, welches in einer Linie mit dem Hauptbahnhof liegt. Das Gebäude ist ebenfalls klimatisiert. Doch nach dem Seminar erwartet uns volle pralle Sonne. Wir stehen bei den Fahrradständern. Die Leute verkrümeln sich. Einen guten Anteil zieht es in den Seepark. Mich nicht. Ich habe zu viel zu tun. Im Seepark sehe ich mich gerade nicht. Aber in der UB? Bei dem Sonnenschein? Ich lasse den Blick schweifen. Neben dem großen Gebäude liegt eine Frau auf der Steinmauer und sonnt sich.

,,Das”, ich deute auf die Frau, ,,Das bin ich in jeder Lebenslage.”

Ich wende mich an meine Kommilitonin. Ich sehe ihr an, dass sie gerade dasselbe denkt, wie ich. ,,Und was machst du jetzt?“, frage ich sie. 

Sie zögert. ,,Du bist auch unentschlossen.“, suggeriere ich. Sie nickt. 

,,Einerseits viel zu tun, andererseits schönes Wetter.“

Wieder ein Nicken, dieses mal vehementer. Im Seepark sieht sie sich gerade auch nicht.

Wir schließen den Kompromiss erst gemeinsam Kaffee trinken zu gehen und im Anschluss zu lernen. 

UB. Die Pause hat meine Konzentrationsfähigkeit nicht erhöht. Ich bin überhitzt. Es sind Temperaturen, die schlauchen. Ausgelaugt, ohne etwas geleistet zu haben. Aber bei den Temperaturen kann ich nicht klar denken. Nach nicht allzu langem Aufenthalt packe ich meine Sachen wieder zusammen. Frustriert. So wird das nichts mit der vollen To-Do-Liste. 

,,Du bestimmst das Pensum, Audrey, pass auf, dass es nicht andersrum ist.“, hat ein Freund kürzlich zu mir gesagt. Ich weiß. Ich gebe auch immer gute Ratschläge, wenn es um Stressmanagement geht. Aber gelegentlich scheitere ich selbst daran.

So auch jetzt. Als ich nach Hause komme, befällt mich das ADHs-Buffetgefühl.

Das ADHS-Buffetgefühl haben die meisten schon einmal empfunden. 

Man läuft am Buffet entlang und schiebt sein Tablett vor sich hin. Anfangs ein leerer Teller und viele tolle Sachen, die man sich drauf laden könnte. Von jedem ein bisschen. Manche Sachen beanspruchen mehr Platz auf dem Tablett als andere. Nach dem Rundgang sitzt man da. Das Tablett ist nun voll. Da setzt das ADHs Gefühl ein. Welchem Teil des Tabletts widmet man nun zuerst seine Aufmerksamkeit? Womit fängt man an? Man zögert. Schließlich isst man ein bisschen von dem und jenem. Hier und da. Mal begnügt man sich  länger und mehr mit der einen Sache, dann legt man abrupt die Gabel nieder, weil man ja noch von etwas anderem probieren wollte, bevor man satt ist. 

Ich denke, es ist nicht schwer zu verstehen weshalb ich das ADHs-Gefühl auf meine ToDo-Liste übertrage. In Hinblick auf unerledigte Tasks wird man nervös. In Hinblick auf die Summe aus dem was zu erledigen war, was zu erledigen ist und was zu erledigen sein wird. Es summiert sich zu einer menge an Anspannung und Druck. Damit geht jeder anders um.

Bei mir verhält es sich so: Ab einem gewissen Anspannungslevel läuft gar nichts mehr. 

Auch das erkläre ich immer mit einer Analogie:

Wenn man mich unter zu viel Druck setzt, ist es ab einem gewissen Punkt, wie wenn man ein Auto beschleunigt, bei dem ein Reifen nicht richtig sitzt. Man kann volle Pulle Gas geben, doch es wird nichts Sinnvolles mehr dabei herauskommen. Auto schlenkert, fährt schief und unkoordiniert. Man gibt noch mehr Gas, voll Karacho, doch es ist vergeudete Energie; Auto fährt gegen Wand.

Ich versuche, dann immer den Rat zu befolgen, den ich stets meinen Leuten gebe, wenn sie in eine ähnliche Situation kommen: Halte die To-Do-Liste klein. 

Nimm dir einen Zettel und notiere dir drei, allenfalls fünf (besser sind drei) Dinge, die zu tun sind.  Beschränke dich darauf. 

Du wirst sehen, wenn du die ersten Sachen erledigt hast kommst du wieder in den Flow. Weil das ist es ja, was ich in dem Moment Zuhause empfunden hatte: Wie es ist, raus aus dem Flow zu sein. Neben sich und seiner vollen To-Do-Liste zu stehen. Klein anfangen also. 

Einen Wohnungsputz (wie er beispielsweise nach einer Klausurenphase ansteht) beginne ich immer damit, dass ich die Tassen wegräume. Mit Kleinigkeiten anfangen. Stück für Stück. Und schon verfällt man in seinen ganz persönlichen Rhythmus. Den Flow eben. Wenn ich im Flow bin, dann kann mir kein Druck mehr irgendwas. Wenn sich mein Flow steigert, bin ich am Hochpunkt meiner Leistungsfähigkeit. Dann beschleunige ich. Dann laufe ich auf Hochtouren, wie ein Molekül, das einer höheren Spannung ausgesetzt ist und stärker schwingt. 

Doch in den Flow muss man erstmal kommen. Dafür muss man sich von Ablenkungen frei machen. Es erfordert Selbstdisziplin und Selbstrestriktion. Es ist nicht immer einfach. Bei weitem nicht. 

Doch es ist mir immer noch lieber, als mit mir selbst unzufrieden sein. 

Das ADHS-Gefühl beschert mir nämlich Bauchschmerzen.

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PS 

Im übrigen will ich hier gar keine Buffet- Besuche schlecht reden. Die sind ganz klar ein spaßiges Produkt unserer überkonsumentischen Gesellschaft. Immerhin Gelegenheit, mal ganz viel Neues auszuprobieren. 

Dementsprechend dringende Empfehlung meinerseits: das Begrüßungs-Buffet der Mensa in der Rempartstraße. 

Jeden Semesterstart gibt es hier: Live-Musik, tolles Essen und ein Zusammentreffen vieler Studenten für einen Fixpreis unter zehn Euro. Es lohnt sich!

Quasi das ADHS-Buffet- Gefühl in it’s origin.

Ein Blick in den Veranstaltungs-Kalender des SWFr lohnt sich offensichtlich.


Autorin:

Audrey

Coucou, mein Name ist Audrey und ich bin eine aufgeweckte Medizinstudentin aus Freiburg!

Derzeit befinde ich mich ich im vierten Fachsemester Humanmedizin der Albert-Ludwigs-Universität. Ich bin unternehmungslustig, neugierig und nehme mich selbst meistens nicht allzu ernst. Hier schreibe ich ehrlich und ungeschönt über das Medizinstudium, das Studentenleben und so manches anderes.

Mach dir doch einfach dein eigenes Bild. Bis dann!

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