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Studenten der Humanmedizin lernen während eines Spaziergangs

—Stress-Walk—

Über den Semesterstart und Planänderungen

Wolff-Gang. Mesoderm. Zwei lose Schnürbänder. Unter der Arteria und Vena testicularis, über den Nervus genitofemoralis, über Arteria und Vena iliaca communis, unterm  Ductus deferens hindurch. Ich laufe los.

Ich breche auf, um zur Frühschicht zu gelangen. Wenig später sitze ich in der Vorlesung Neurophysiologie. Weil sie doch nicht aufgezeichnet wird, wie ursprünglich angenommen. Eine Präsenzveranstaltung also. Planänderungen. Ich lege meine Schichten diesen Monat um. Auf dem Weg zur Vorlesung sammle ich eine Freundin ein. ,,Was steht an die Woche?”. Eine Frage, die bei uns mittlerweile Tradition hat. Nach der Vorlesung der nächste Termin. Und, weil es so schön ist, gleich noch einer. Weiterlaufen.

Cytoarchitektonik, ein schönes Wort. 50 Areale nach Brodmann, bei anderen noch mehr. Prä- und supplementärmotorisch 6, Primärmotorisch 4. Okay. Wernicke hat 22, Broca 44/45. Wie kann man sich das merken? Wernicke, sensorisch, mit 22 nur halb so wichtig wie 44 motorisch. Also nicht wirklich, aber in meiner Eselsbrücke schon. Schließlich kann man im Ernstfall die Sensibilität eher entbehren. Ich denke an Nervus suralis… Aber stopp, wir reden ja von sensorisch und nicht von sensibel. Naja, die beiden Areale sind jetzt jedenfalls vermerkt. Weiterlaufen.

Auf dem Weg zum Studentenwohnheim meiner Freunde. Ich komme zu spät. Dann ein Videocall. Ich recke mein Fahrrad in die Kamera. ,,Der Reifen ist platt. Meine Lieben, ich laufe.”

Gut, dass ich nicht rechtzeitig dort bin. Stattdessen erreicht mich ein Anruf. Meine Schwester, die mich erst kürzlich besucht hatte, ist positiv getestet worden. Ich muss mich auch testen gehen. Ich laufe wieder nach Hause. Am nächsten Tag weise auch ich ein positives Testergebnis auf. Einen ziemlich hohen Titer an Viruspartikeln sogar. Es passt zu den Gliederschmerzen und Erschöpfungssymptomen, die sich langsam aber sicher bemerkbar machen. Leben umstrukturieren. Schichten verschieben. Leute warnen. Die Tage danach: Isolation, Fieber und Schlappheit. 

Ich laufe erstmal nicht mehr so viel.

Sonne. Auf dem Weg zum Fahrradgeschäft. Ein gutes Gefühl, seine Erledigungen wieder selbstständig machen zu können. Die Maskenpflicht entfällt ab heute. Ich ändere nichts an meiner Vorsicht. Schließlich habe ich gerade erst meine Infektion überstanden. 

Baustellen und Demonstrationen erschweren die Mobilität in Freiburg. Viele Leute sind unterwegs, angezogen vom Sonnenschein. Ich laufe entlang der Bahnhofsbrücke und sehe eine Ansammlung von Polizisten nahe dem Eingang des Escholzparks. Plötzlich ein irrer Impfgegner, der aus dem Nichts angerannt kommt. Ich werde umgenietet. Polizisten von allen Seiten. Der Mann war gesucht. Wird zu Boden gerungen. Ich ziehe mich gerade noch rechtzeitig unter ihm weg. Impfgegner-Genossen filmen. Bin ich jetzt im Internet? Mein Knie blutet. Ich hinke ein bisschen, als ich nach Hause laufe.

Gelenkschmerz……

Schmerzvermittlung über den tractus spinothalamicus. Protopathische Sensibilität, die alles erkennt, was als Bedrohung der Vitalsphäre aufgefasst werden kann. Temperatur, Schmerz, Mechanorezeption. Und die Propriozeption? Tiefensensibilität, bezogen auf Stellung der Gelenke, Muskelspindeln, Golgi-Apparat. Der unbewusste Anteil über das Cerebellum. Tractus spinocerebellaris, also. Bewusste Propriozeption über die Hinterstrangbahnen: Ich nehme mich als Körper wahr, der sich durch den Raum bewegt. Ich laufe.

Auf dem Weg zu Elektrophysiologie. Ich komme zu spät. Heute klappt gar nichts. Daheim Scherben. Stammen von einem zerbrochenen Kaffeegefäß. Auf dem Weg zur Haltestelle beobachte ich, wie eine Apothekerin ein Schild am Eingang ihrer Apotheke schrubbt. Vermeintlich verschmiert von Impfgegnern. Das hat jedenfalls nichts mehr mit der Forderung nach mehr Freiheit zu tun. Unmöglich. An der Haltestelle erwartet mich eine Freundin. Sie ist etwas missmutig gestimmt. Wir kommen um ein bis zwei Minuten zu spät. ,,Es tut mir leid, ich habe mein Leben einfach nicht unter Kontrolle.”  Sie blickt mich an.

Institutsviertel Freiburg
Institutsviertel Freiburg

Vorlesungen. Kleinere Amplituden, langsamerer Anstieg und Abfall umso weiter wir uns von der Endplatte wegbewegen. Das Endplattenpotential nimmt an der synaptischen Membran seinen Ursprung. Es breitet sich vom Ort seiner Entstehung elektrotonisch aus. Löst fortgeleitete Aktionspotentiale in der Muskelfaser und somit eine Kontraktion aus.  Muskelkontraktionen ermöglichen Fortbewegung. Weiterlaufen.

Die Karteikarten immer dabei. In der Hosentasche. In der Jackentasche. Im Vorderfach des Rucksacks. Beim Zahnarzt genauso wie beim Banktermin. Beim Kochen mit Freunden. Bei der Bahnhofsmission. Immer mal wieder eine Karte. Der Stapel wird nicht weniger. Weiterlaufen.

Sturm. Mein Schirm verbiegt und bricht schließlich sogar entzwei. Meine Haare wehen mir ins Gesicht. Es ist der Tag der Anatomie-Abschlussklausur. Ich muss den Schirm entsorgen.

Ob ich die Klausur bestanden habe? Unsicher.

Sollte ich bestanden haben, wird auf Biochemie und Physiologie umgepolt.

Wenn nicht: Nachschreibeklausur in zwei Wochen. Dann also für drei Fächer lernen.

Grundanspannung. Die Ergebnisse lassen auf sich warten. 

Mit jedem weiteren Tag Ungewissheit wächst die Grundanspannung. Die Ergebnisse kommen nicht vor Ostern. Jetzt sind es weniger als zwei Wochen bis zur Nachholklausur.  Es könnte zu knapp werden, wenn wir nicht bald mehr erfahren.

Na gut. Ich beschließe mich so zu verhalten, als wäre ich mit Sicherheit durchgefallen.

Einige meiner Freunde befinden sich in derselben Situation wie ich. Knappe Lage, punktetechnisch.

Meine restlichen Freunde sind mit Sicherheit durchgefallen. Wem es besser geht? Schwer zu sagen. Ich hasse Ungewissheit.

Nun gut. Weiterlaufen. Mit den Karteikarten. 

,,Huch?”, wieder läuft ein Jemand in mich hinein. Ein kleiner dicker gestreifter Jemand. Einfach verwirrt in mich hinein gestolpert. Der Kleine bleibt stehen. Ich bleibe ebenfalls stehen. ,,Na du, wer bist denn du?” Er begleitet mich. Endlich stecke ich die Karteikarten weg. Wir laufen nebeneinander. 

Wir sind jetzt Freunde, haben wir beschlossen. 

Ich setze mich auf eine Bank und blicke ihn an. Der Kater hat rötliches Fell. Erinnert mich an die Katze von Alice im Wunderland.

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Manchmal habe ich das Gefühl, ich kämpfe mich von Herausforderung zu Herausforderung. Ständig im Hinterkopf, was ich noch zu erledigen habe. Wenn dann alles schief geht, intensiviert sich das Gefühl der Kampfeslaune. Dann muss der Tagesablauf optimiert werden. Ereignisse unter meine Zügel bekommen. Struktur. Einfach mehr Struktur. 

Im Nachhinein bin ich stets überrascht, wie lange ich noch an der Idee festhalte, ich könne den Tag zum Besseren wenden. Wobei, eigentlich nicht zum Besseren, sondern zum Besten. Es ist ein gewisser Perfektionierungsdrang, der jedes Mal aufs Neue an den Tag gelegt wird.

Und dann geht wieder etwas schief. Erst, wenn ich den Tag zum Scheitern verurteilt habe, verbessert sich dieses Gefühl wieder. Weil man dann gegebenenfalls das Tempo drosselt. Sich auf das besinnt, was nun einfach da ist und stückchenweise vorgeht. Dann laufen die Dinge womöglich besser. Im Umkehrschluss ist es leider so, dass man bei nichts so richtig dabei ist, wenn man zu viel gleichzeitig macht. Ich merke es immer wieder. Tollpatschigkeit und Goofyness sind auch nur ein Nebeneffekt davon.

Während ich auf der Bank sitze, ruft mein bester Freund an. Er will wissen, wie mein Tag war. ,,Was steht an?” Ich zögere.

,,Mensch Audrey, du kannst doch nicht sagen, du hättest dein Leben nicht unter Kontrolle, weil dein Gefäß zerbrochen ist. Sowas passiert.” , hat meine Freundin an der Haltestelle damals erwidert.

Später habe ich gemerkt, dass sie Recht hat. Gelegentlich gerate ich in eine Überbewertung des negativen in meinem Tagesablauf. 

Ich übergehe bei der Bewertung zudem sehr häufig die Dinge, die gut gelaufen sind.

Die Fächer, in denen ich einen Lernfortschritt erzielt habe. Die Vorlesungen, in denen ich von mal zu mal mehr verstehe, weil Wissen ineinander greift. Der Umstand, dass ich bereits am Dienstag den Großteil an Wochenverpflichtungen geschafft habe. Zumindest manchmal.

Mir wird klar, dass mein Gefühl des Kontrollverlustes auch sicher daher rührt, wie hoch meine  Anforderungen an die jeweiligen Tage sind. Ich gebe mein Bestes und schaffe dabei sehr viel.

Aber wie gesagt, das vergesse ich regelmäßig bei meiner Bewertung. Wenn dann mein Stresslevel ansteigt, werde ich zur StressWalkerin.

Dann lebe ich ganz nach dem Motto von Charlie Brown: ,,No problem is so big or so complicated that it can’t be run away from!”

Im Präparierkurs habe ich einmal eine Zahnmedizinerin kennengelernt, die meinte, dass sie beim täglichen Lernen ungefähr 20 km laufe. Es handelt sich um eine Marke, die ich mit Sicherheit auch schon erreicht habe. Bei aufkommenden Gedanken an das anstehende Physikum erhöht sich die Laufgeschwindigkeit direkt noch um eine weitere Stufe.

Ich beende das Telefonat mit meinem besten Freund. 

Es ist gerade eine gewisse Anspannung da, aber es ist nicht der absolute Prüfungsstress. Es ist ein klassischer Semesterstart, verbunden mit einem bestimmten Vorstress. Eine Stimmung die sich erfahrungsgemäß schnell und deutlich verstärken kann. Also gilt es bereits hier, sich der Frage zu stellen, wie man nun die Weichen legen möchte. Wie integriert man bereits jetzt konstruktive Stress-Coping-Mechanismen?

Ich denke darüber nach, während mich mein kleiner gestreifter Freund nach Hause begleitet. Mit Sicherheit ist es eine Überlegung, die sich jeder Medizinstudent einmal gemacht haben sollte. Mir fallen einige Strategien ein.

Sonne, Natur und frische Luft als Basis.

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Das nächste Mal sind es schon fünf Schuhbündel mehr, die geschnürt werden. Wir laufen gemeinsam, weil es so mehr Spaß macht.


Autorin:

Audrey

Coucou, mein Name ist Audrey und ich bin eine aufgeweckte Medizinstudentin aus Freiburg!

Derzeit befinde ich mich ich im vierten Fachsemester Humanmedizin der Albert-Ludwigs-Universität. Ich bin unternehmungslustig, neugierig und nehme mich selbst meistens nicht allzu ernst. Hier schreibe ich ehrlich und ungeschönt über das Medizinstudium, das Studentenleben und so manches anderes.

Mach dir doch einfach dein eigenes Bild. Bis dann!

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