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Humanmediziner als Soldaten im Ukraine Konflikt

Probleme der nahen und fernen Welt 1: WÜSTENSAND und Krieg

Was einen als jungen Menschen gerade so beschäftigt

Es gibt Tage, da fällt es schwer, die Nachrichten zu schauen. 

Es gibt Tage, da scheint die Welt besonders unfair. Besonders hart. Besonders grausam. 

Noch bitterer wird es allerdings, wenn man sich eingesteht, dass die Welt nicht just in diesem Moment so geworden ist. 

Auch sonst ist die Welt kein leichter Ort. Die Frage ist nur, wieviel von ihren Ungerechtigkeiten man gerade ausblendet.

Schließlich kann man sich nicht dauernd mit negativen Emotionen befassen, wenn man als fühlendes Wesen klarkommen möchte.

Doch die Probleme, sie sind trotzdem da.

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Einen Tag Sonnenschein in Freiburg. Einen Tag Vorfreude auf den Frühling.

Dann kam der Wüstensand. 

Es herrschte eine seltsame Stimmung vor.

Die Blutdrücke der Patienten waren höher als sonst. Kaum einer hatte gut geschlafen. Das Licht, in welches das Klinikgelände getaucht war, das war auch seltsam. Seltsam warm. Aber irgendwie auch magisch.

,,Wie im Abendland. Wenn jetzt der Fahrstuhl wieder nicht funktioniert, dann befördern wir das OP-Bett einfach mittels fliegendem Teppich ins nächste Stockwerk.”, meinte eine Kollegin.

,,Man wird ja ganz schläfrig. Es ist als ob den ganzen Tag Abend wäre.”, erwidert die Stationsleitung.

Klinikgelände, HNO-Freiburg

Ich hatte das Gefühl, der Wüstensand verkörperte mehr als Sandkörnchen, die in den Norden geweht waren.

Er war irgendwie auch Ausdruck einer befremdlichen Zeit. Schließlich geht der Krieg in der Ukraine weiter.

Man fährt zur Arbeit und – egal, ob das Radio an – oder ausgeschaltet ist – man weiß doch, die Dinge laufen nicht, wie sie laufen sollten.

Mittlerweile empfinde ich es gelegentlich als anstrengend, mich mit Menschen über die Situation in der Ukraine zu unterhalten. Zu viele haben die aktuelle Lage zu einem Imagethema gemacht. Spenden oder nicht spenden. Allerdings nur der Wirkung wegen. Schade.

Ich fing an, meine Einstellung in Bezug auf Geflüchtete zu überdenken.  

Wo liegt der Unterschied zu früheren Flüchtlingsströmen? Was unterscheidet ihr Leid von dem der Ukrainer? Ich knabbere noch immer an dem Thema. Klar ist: so etwas wie ,,richtige“ Geflüchtete gibt es nicht*.

*In Anspielung auf die Aufforderung gewisser AFD-Mitglieder die Spenden so anzupassen, dass es nur die ,,richtigen“ Flüchtlinge trifft https://noktara.de/ukraine-spenden-haram/

Auch unter Medizinstudenten wurde der Krieg Gesprächsobjekt. 

,,Wenigstens studieren wir Medizin. Da müssen wir im Ernstfall nicht an die Front. So bitter das auch klingen mag.” , sagte ein Kommilitone.

Hmm. Schwierig.

Auch ich fragte mich, wie Medizin im Kriegsgebiet praktiziert werden kann. Wie der Krankenhausalltag aussieht.

Ein Betrieb, der unglaublich viel Ressourcen braucht, um zu bestehen.

Viel Strom, Wasser, medizinische Ausrüstung, Nahrung. Wie kann das im Kriegsgebiet funktionieren?

Wo es Menschen doch an den grundlegendsten Dingen zum Überleben mangelt. Wo Supermärkte geplündert werden und Einwohner mancherorts nicht über ausreichend fließendes Wasser verfügen.

Ich fragte mich auch, ob das Krankenhaus noch ein sicherer Ort sein kann.

Schließlich zeugt ein Angriff auf ein Krankenhaus nicht nur von mangelndem Respekt gegen eine (öffentliche) Institution, sondern viel mehr noch, von mangelndem Respekt gegenüber der Menschlichkeit.

Das Völkerrecht stellt Ärzte und medizinisches Personal nicht umsonst unter besonderen Schutz.

[Quelle:https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-krieg-who-angriffe-101.html]

Wir reagieren empört, wenn wir so etwas zu lesen bekommen. Wir rümpfen die Nase, wenn wir hören, dass die soeben beschriebene Grenze – zur Wahrung der Menschlichkeit – überschritten wurde.

Es handelt sich um einen Angriff auf die menschliche Würde.

Im Fall der Ukraine wurde die Grenze in dem Ausmaß überschritten, dass es schwer fällt, die angegriffenen und zerstörten Einrichtungen als ,,Kollateralschaden” abzutun.

Schließlich meldet sich die WHO in einem öffentlichen Statement zu Wort.

,,Stop attacks on health care in Ukraine. […] Health care and services should be protected from all acts of violence and obstruction. […] For the sake of health workers, and for all people in Ukraine who need access to the lifesaving services they provide, attacks on all health care and other civilian infrastructure must stop. […] A peaceful resolution to end the war in Ukraine is possible.”

[Quelle: Stop attacks on health care in Ukraine (who.int)]

In was für einer Welt wir doch leben, dass derartige Forderungen überhaupt erst formuliert werden müssen.

Doch es ist nicht das erste Mal, dass man diese Grenze überschritten hat.

Die Vergangenheit zeigt, dass man sogar bereit war, noch weiter zu gehen.

So wurde der Angriff auf medizinisches Personal in Syrien, Afghanistan und Jemen zu einer Kriegsstrategie

Eine Gesellschaft ohne medizinisches Fachpersonal zeugt von Zivilisation, die allem, was die gesundheitliche Unversehrtheit bedroht, schutzlos ausgesetzt ist. ,,Seit 2011 starben mindestens 800 Ärzte, Pfleger und Sanitäter in Syrien, schätzen die Autoren eines aktuellen Berichts im Magazin Lancet (Fouad et al, 2017; pdf). Das Land ist damit für Ärzte zum gefährlichsten Ort der Welt geworden.”

[Quelle: Kriegsstrategie: Wer auf Ärzte schießt, gewinnt den Krieg | ZEIT ONLINE]

Vergangenes Jahr verurteilte der UN-Sicherheitsrat die Angriffe auf Krankenhäuser in Syrien, das Rote Kreuz startete eine Kampagne mit dem Slogan „Health care in Danger“ und Ärzte ohne Grenzen eine mit dem Namen „Medical care under Fire„. 

Aber bevor wir uns weiter der Empörung hingeben. 

Ist es nicht das, was Krieg ist? Ein gefährliches Spiel. Ein Angriff auf die Unantastbarkeit der menschlichen Würde.

Vor einigen Jahren hatte ich einen Klassenkameraden, der hatte den Wunsch nach dem Abitur zur Bundeswehr zu gehen. Er sehnte sich nach der klaren Struktur und der geforderten Disziplin. Es reizte ihn, körperlich an die Grenzen gehen zu müssen. Und er sah es als eine Möglichkeit, Gutes zu tun.

Alles Punkte, die ich nachvollziehen kann. (Also den Wunsch zur Bundeswehr zu gehen, ausgenommen).

Doch er meinte auch zu mir: ,,Weißt du Audrey, wenn ich dann dastehe, einem bewaffneten Angreifer gegenüber, und es heißt mein Leben oder seines, dann werde ich schießen.”

Und da hatte er mich verloren. 

Ich bin dafür, Gutes zu tun. Aber in meinen Augen kann Krieg nicht aus etwas positivem oder in etwas positives resultieren. Basta. Ich wehre mich vehement gegen die Vorstellung, mich in eine ,,mein Leben oder seines”-Situation hineinzudenken. 

Meiner Meinung nach fängt da das Grenzüberschreiten schon an. Man kann nicht sagen, ,,Ja also du schießt, ich schieße, er schießt. Aber hey, wir halten uns an die Regeln. Ups, also Zivilisten wollten wir ja nicht treffen.”

Meiner Meinung nach sollten sich alle Menschen, die ein Verlangen nach Krieg und Kämpfen haben, auf einer Wiese versammeln und Ritterkampf spielen. 

Aber verdammt nochmal, ich möchte nicht einsehen, dass eine Welt ohne Krieg zur naiven Illusion meiner Kindheit gehört. In so einer Welt möchte ich eigentlich nicht leben.

Nun gut. Das ist es zumindest, was ich in Bezug auf Krieg empfinde. Ich weiß auch, dass vieles nicht ganz so einfach ist. 

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Doch in einer Welt, in der Krieg und Unrecht Teil von Normalität zu sein scheinen, da bin ich über eine Sache im Klaren: Ich studiere das richtige.

Ich teile das ,,Wenigstens” meines Kommilitonen nicht ganz. (,,Dann müssen wir wenigstens nicht an die Front.”)

Mein ,,Wenigstens” sieht anders aus.

In einer Welt, die grausam und unfair sein kann, da bewege ich mich zumindest auf eine Profession zu, mit der ich Gutes verrichten kann. Als Medizinerin kann ich meinen Beitrag dazu leisten, Leid zu reduzieren und womöglich Wohlergehen zu schaffen.

Wenn ich mir das vor Augen führe, dann fühle ich mich beim Nachrichtenschauen gleich etwas weniger machtlos.

Denn ich weiß:

Menschlichkeit kann bewahrt werden. 

PS: Mein ehemaliger Klassenkamerad ist mittlerweile tatsächlich bei der Bundeswehr. Ihm scheint es da zu gefallen. Im übrigen meinte er in Bezug auf Mediziner vor Ort: ,,Als Sani hast du es mega chillig da. Geiler Job. Im Ernstfall auch mal widerlich, aber ansonsten mega.“

Leider kenne ich keinen Sanitäter dort, der das bestätigen kann .


Autorin:

Audrey

Coucou, mein Name ist Audrey und ich bin eine aufgeweckte Medizinstudentin aus Freiburg!

Derzeit befinde ich mich ich im vierten Fachsemester Humanmedizin der Albert-Ludwigs-Universität. Ich bin unternehmungslustig, neugierig und nehme mich selbst meistens nicht allzu ernst. Hier schreibe ich ehrlich und ungeschönt über das Medizinstudium, das Studentenleben und so manches anderes.

Mach dir doch einfach dein eigenes Bild. Bis dann!

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