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Lernen II: Lernplakate und schöne Organe

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich eine hitzige kleine Meinungsverschiedenheit mit einem Mediziner.

Wir saßen einander gegenüber an meinem Küchentisch und aßen Pizza. Um uns herum standen zahlreiche Umzugskartons, denn die Wohnung hatte ich gerade erst bezogen.

Während wir aßen betrachteten wir meine weißen Wände und überlegten, ob und wie man sie bunter gestalten könnte. 

,,Was ist deine Meinung zu Lernplakaten?”, habe ich ihn gefragt. 

Dabei schielte ich an ihm vorbei, zu einem der Kartons die versteckter lagen. Nennen wir ihn Karton X. 

Der Mediziner lehnte sich zurück und überlegte. Dann antwortete er in etwa:

,,Also diese Lernplakate aus der Ersti-Tüte, die findest du in der Regel nicht mehr in der Wohnung von Medizinstudenten aus höheren Semestern. Das ist eher so ne Sache die im ersten, allenfalls zweiten Semester tolerabel ist.” 

Ich hatte mit Medizinstudenten zu tun, die waren stolz ihre Ersti-Tüten-Lernplakate aufzuhängen. Gelegentlich erahnte man sie sogar bei Zoom-Konferenzen im Hintergrund einzelner Teilnehmer. Ich kenne aber auch Medizinstudenten, denen ist die Idee zuwider, die Wände mit solch etwas zu tapezieren. 

Also nickte ich abwartend. 

Er sprach weiter: ,,Es gibt sicher auch Poster, da macht es Sinn, die aufzuhängen. Also, wenn sie den Inhalt widerspiegeln, den du gerade unmittelbar lernen musst. Beispielsweise für Biochemie, da gibt es so…..” 

Er verstummte, denn ich war aufgestanden um durch den Raum zu laufen. Ich platzierte einige Kartons um, damit ich in Karton X herumwühlen konnte.

Triumphierend reckte ich ein Biochemie-Plakat in die Luft. 

Trotz diverser Gebrauchsspuren erkannte es der Mediziner sofort wieder, nickte. 

,,Ja sowas beispielsweise. Da sind die ganzen Signalkaskaden und Stoffwechselwege drauf. Das kann sicher sinnvoll sein. Aber diese anderen Plakate, wo beispielsweise einfach der Schädel drauf ist”, mein Blick wandert wieder zu Karton X ,,die bringen doch gar nichts. Wie oft schaut man sich die wirklich an? Also die sind schon unnötig.”

Hmm, ich war nicht ganz einverstanden. ,,Ja, aber manche Plakate sind doch auch einfach ästhetisch ansprechend.”, erwiderte ich. Der Mediziner machte sich über mich lustig, als ich versuchte zu erklären, welche Organe denn besagte Ästhetik aufweisen sollen.

Wir diskutierten noch lange.

Aber unabhängig davon, ob Organe nun hübsch anzusehen sind oder nicht, dem Mediziner möchte ich nicht zwingend Recht geben.

Pauschal, für alle Studenten zu sagen ,,das bringt nichts.“, finde ich nicht sonderlich sinnvoll.

Schließlich wählen wir nicht zuletzt deshalb unterschiedliche Herangehensweisen in der Klausurvorbereitung, da Lernstrategien immer damit zusammenhängen, wie man Informationen (am besten) verarbeitet. Lernen bedeutet den eigenen Begrifflichkeiten neue hinzuzufügen. Demnach bedeutet Lernen auch: Wahrnehmung. Wie kann ich das, was ich wahrnehme, verinnerlichen?

Wenn ich etwas lese und meine, dass es in meinen Ohren plausibel klingt, heißt das noch nicht, dass ich es wirklich verstanden habe. Wenn ich jedoch die Augen schließe und in der Lage bin, die verinnerlichten Informationen zu verarbeiten, zu reproduzieren und mit meinen eigenen Begrifflichkeiten zu erklären, erst dann weiß ich, dass ich einen Sachverhalt nachhaltig verstanden habe. 

In der Prüfungsvorbereitung habe ich einmal mit einer Kommilitonin gelernt, die war es leid sich Karteikarten zu schreiben. ,,Das Fachbuch ist zu dick, die Kapitel zu lang, um alles aufzuschreiben“, grummelte sie. Also beschränkte sie sich darauf, sich die Themen nur noch durchzulesen. Während ich an einem Kapitel nagte, hatte sie gleich mehrere angeschaut. Als wir nach der Lerneinheit unser Resumé zogen, stellte sie allerdings ernüchtert fest, dass sie Gelesenes nicht wirklich verinnerlicht hatte. 

Es verwunderte mich nicht. Als ich sie beim Lesen betrachtet hatte, war mir schon die Vermutung gekommen, es könnte womöglich nicht ausreichen. Ich glaube allerdings auch nicht, dass es komplette Zeitverschwendung war. Sich einzulesen kann schließlich auch der Orientierung dienen, quasi als erster Kontakt mit den Begrifflichkeiten.

Aber ich kann auch sehr gut verstehen, warum sie so vorgegangen ist. Ich habe nicht selten Abdrücke auf der Handinnenfläche, wenn ich stundenlang an Aufschrieben rumgekritzelt habe.

Es ist zwar eine ziemlich aufwendige Lernstrategie, für mich aber sehr effektiv. 

Ich stelle mir vor, wie die Verknüpfungen von Farben und Symbolen auf dem Papier bewirken, dass sich die auch die passenden Bereiche in meinem Gehirn verbinden.

Denn: es ist nicht die Anzahl an Neuronen die unser Denkvermögen ausmachen- die nimmt im Laufe unseres Lebens sogar ab – es die Art der Verknüpfung die eine Rolle spielt. Umso vielfältiger wir eine Information verknüpft haben, umso leichter fällt es uns, diese Information abzurufen. 

Lernen ist also das Zusammenspiel von Gedächtnis- und Verständnis. Beides lässt sich trainieren, beides hat aber auch genetischen Komponenten. So hatten wir es beispielsweise im ersten Teil von einer gewissen Veranlagung, die verschiedene Lerntypen unter anderem in ihrer Lerngeschwindigkeit unterscheidet.

Ich finde allerdings noch einen anderen Aspekt des Lernens spannend: die Motivation.

Sie ist unbestreitbar eine wichtige Zutat, bei der Suche nach dem perfekten Lernrezept .

Die Motivationsforschung beschäftigt sich hierbei mit unterschiedlichsten Fragen.

Eine die ich gerne aufgreifen möchte ist jene, ob jemand von Versagensangst angetrieben wird, oder von Erfolgsdrang. Eine Frage der Leistungsmotivation, die womöglich Aufschluss darüber zulässt inwieweit Leistung und letzten Endes auch Erfolg davon abhängt, was sich eine Person zutraut.

Veranschaulichen wir das, was in zahlreichen Studien bereits mehrfach repliziert wurde einmal konkret an einer Gruppe Medizinstudenten.

Zunächst einmal müssen wir uns überlegen in welchem Verhältnis Erfolgswahrscheinlichkeit und Leistungsanreiz stehen. Dabei verhält es sich in der Regel so: 

Setzt man sich das Ziel zu hoch, ist der Anreiz besonders groß (z.B. ,,20kg abnnehmen innerhalb eines Monats !“), die Erfolgswahrscheinlichkeit aber eher gering.

Setzt man sich die Ziele dagegen zu niedrig ( wie wäre es jetzt beispielsweise mit ,,1 kg in 20 Monaten abnehmen!“), ist die Erfolgswahrscheinlichkeit zwar hoch, der Anreiz aber eher gering. Am vielversprechendsten ist es also sich an einer mittelschweren Zielsetzung zu orientieren.

Klingt plausibel, oder? 

Betrachten wir nun unsere Gruppe Medizinstudenten. Hier finden sich sowohl Studenten, die daran orientiert sind Erfolge zu erzielen, als auch Studenten, die daran orientiert sind Misserfolge zu vermeiden.

Jetzt geben wir den Studenten, wie man es in besagten Studien gemacht hat, Aufgaben die wir als unterschiedlich schwer deklarieren. 

Was beobachten wir? 

Die Studenten, die erfolgsorientiert sind schneiden am besten bei mittelschweren Aufgaben ab. Eine mögliche Erklärung dafür: die Erfolgsorientierten haben sich hier am meisten angestrengt, da es sich am meisten rentiert, da hier realistische Aussichten auf Erfolg vorliegen.

Die Studenten aber, die misserfolgsorientiert sind, schneiden bei den vermeintlich mittelschweren Aufgaben am schlechtesten ab.

Vermutlich lag das an ihrer Angst zu scheitern, die hier am größten war und sich wohl negativ auf ihre Leistung auswirkt.

Was ist der Clue hieran? Vielleicht hat es der Leser schon vermutet, aber die Aufgaben waren (genau wie bei den Aufgaben besagter Studien) alle gleich schwer.

Demnach lässt sich schlussfolgern: die eigenen Erwartungen sind entscheidend für Leistung und Motivation. Also auch für Lernmotivation und Lernerfolg.

Jetzt darf der Leser für sich selbst entscheiden, ob das auch seine persönlichen Erfahrungen widerspiegelt.

Ich würde sagen, dass bei mir eine Mischform vorliegt. Klar bin ich an Erfolgen orientiert, für mich geht das Medizinstudium mit klaren Zielen einher. Dennoch treibt mich kaum etwas so intensiv an, wie die Befürchtung versagen zu können. Wobei meine Definition von Versagen nicht unbedingt deckungsgleich mit denen anderer (Medizin)Studenten ist. Sicher findet man sowohl mehr als auch weniger ambitionierte Versionen davon, was als Versagen gewertet wird.

Paradoxerweise gehe ich am liebsten angespannt in Prüfungen hinein. Ich fühle mich merkwürdigerweise am wohlsten, wenn die Versagensangst unmittelbar vor der Prüfung ihr Maximum erreicht.  Weil bei mir dann auch immer die Erkenntnis einsetzt, dass ich nichts mehr ändern kann. Dass ich alles gegeben habe, jetzt das Beste daraus mache. Dann beobachte ich meistens meine Mitstudierenden, die mit gerunzelter Stirn nochmals ihre Karteikarten durchlesen. Dann führe ich interessante Gespräche mit Studenten, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Manchmal erblicke ich in der (maskierten) Menschenmenge vor dem Lehrgebäude auch bekannte Gesichter. Dann hebe ich ruckartig den Arm in die Luft und winke. ,,Ahh, du auch hier?“  ,,Jaa. Mensch bin ich froh, wenn diese Klausur rum ist.“

Schwups ein wenig Anspannung verschwindet. Wenige Momente später sitzen wir dann in den Prüfungssälen, die Aufgabenbögen vor uns liegend. Die Professoren und Prüfungsaufsichten verlieren noch ein paar organisatorische Worte. Womöglich hat man Glück und man hat ein Vorlesungsgebäude erwischt, indem eine Uhr hängt. Ich lege dann immer den Kopf schief, schwenken ihn für einige Sekunden nach links und nach rechts. Das mache ich seit der 10. Klasse so, als meine Biologielehrerin meinte, es bewirken das Zusammenlaufen der Gehirnhälften. Ich atme tief ein und wieder aus, während ich darauf achte, meine Matrikelnummer richtig auf das Deckblatt des Aufgabenbogens einzutragen. Ich blicke mich nochmals um. Sehe Studenten, die ihre Gelenke knacken lassen oder mit zitternden Fingern  das Deckblatt beschreiben. Ich atme nochmal tief durch. Inspirer, expirer, respirer, denke ich mir dann. Du kannst nichts mehr ändern, mach das Beste daraus.

Was danach folgt ist Hitze. Fiebriges Kratzen von Stiften über Papier. Blättern. Kratzen. Nochmal durchlesen. Und schon werden die Bögen eingesammelt, der Rausch ist vorbei. 

Waren es fünf Stunden oder nur zwei? Ich könnte es nicht sagen.

Dann ist die Klausur rum und früher oder später geht es wieder nach Hause.

Lose Zettel auflesen, herumliegende Bücher einsammeln und wieder in dem Bücherregal verstauen. Aufschriebe hebe ich oft auf, weil ich hoffe sie für das Physikum wiederverwenden zu können.

Ich öffne dann alle Fenster meiner Wohnung, würde am liebsten Räucherstäbchen schwenken. Nicht wegen eines Geruchs, sondern weil ich das Bedürfnis habe die Atmosphäre der Atemlosigkeit, die aufgebaute Lernstimmung, den bösen Geist dessen Präsens nur ich hier fühle, zu beseitigen. Wieder ins Reine kommen mit meiner Wohnung.

Wieder eine Grenze ziehen, zwischen Lebensraum und Arbeitsplatz.

Ich tue dies wohlwissend, dass es sich um eine Grenze handelt, dessen Linie bald schon wieder verblassen werden. 

Ich habe gerade zwar Semesterferien, doch ich befinde mich schon in der Vorbereitung auf mein Anatomie-Exam. Es handelt sich dabei um die Eingangsklausur die gleichzeitig Auftakt zum Präpkurs ist. Wichtig also. Viel zu lernen also.

Doch dieses Mal möchte ich etwas ausprobieren. Anatomie, wenn das kein Fach ist, bei dem es auf visuelles und räumliches Denken ankommt, dann weiß ich auch nicht.

Ich möchte an der Stelle an die Diskussion mit dem Mediziner erinnern. Mir hat es nicht ganz gepasst, dass das Urteil des Mediziners bezüglich der Lernposter so endgültig war. 

Vielleicht, habe ich mir gedacht, vielleicht müsste man es nur richtig anstellen.

Ich fasste den Entschluss, die imaginäre Grenze wegzuwischen, wenn auch nur übergangsweise.

Dabei bin ich gedankenverloren in der Wohnung umher geschritten.

An welchen Punkten verweilen ich wohl am längsten? Welche Oberflächen berühre ich am häufigsten? Wo gehe ich am häufigsten vorbei? 

Dann musste Karton X, beziehungsweise mittlerweile Schublade X, herhalten: Lernplakate und Lerntafeln.  Das Resultat:

Über meinem Lichtschalter in der Küche hängen jetzt die tastbaren Knochenpunkte, Ansicht von ventral.

Beim Zähneputzen die Ansicht von dorsal.

Meine kleine Schwester ist nicht wenig darüber erschrocken, dass man von der Dusche aus die Rückseite des Lernposters sehen kann: Knochen der Hand.

,,Gruselig!“, meinte sie.

Muskeln hier, Arterienverlauf da. Einfach weil ich es amüsant fand, befindet sich auf dem zentralen Stromkasten ein kleines Skelett.

Ziel ist: Jedes Mal, wenn ich einen Raum verlasse auf ein Detail zu achten und darüber nachzudenken. Vielleicht kommen noch selbst gezeichnete Schemata dazu. Mal schauen, wie bunt die Wände werden, bis zur Klausur. 

Ich weiß nicht, ob diese Aktion wirklich einen Mehrwert bietet.

Meine Besucher haben jedenfalls etwas zu lachen.

Und weil ich es mir nicht verkneifen konnte, hängt jetzt ein Schädelposter über meinem Sessel.

Ganz schön unnötig?

Ätsch-Bätsch.