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bunte Jonglierbälle zum Lernen

Lernen I: Jonglierbälle und andere Tücken

In der Medizin hat man nicht selten mit Patienten zu tun, die es komplett aus dem Leben gerissen hat. Die Normalität von gestern scheint weit entfernt. Man beobachtet einen Autonomie-Verlust, der Patient kann vieles nicht mehr (alleine), muss sich neu zurechtfinden und Altbekanntes erst wieder erlernen. 

Erst kürzlich habe ich mich darüber mit einem ehemaligen Pflegehelfer unterhalten, der unter anderem die Schichtleitung in der Neurologischen Klinik Elzach inne hatte.

Er erzählte mir eindrucksvolle Fallgeschichten von Schlaganfallpatienten, die motorische und/oder geistige Beeinträchtigungen davongetragen hatten. ,,Es ist, als ob man den Reset-Button gedrückt hätte.”, sagte er. 

Bei diesen Patienten bleibt jedoch die Hoffnung, dass möglichst viele der eingebüßten Fähigkeiten dadurch wiedererlangt werden, dass sich die Betroffenen in ihrem Denken und Handeln umorganisieren. Die besten Prognosen hat folglich jener Patient, dessen Gehirn es am besten bewerkstelligt, durch Restrukturierung seiner Netzwerke beschädigte Bereiche zu kompensieren. 

Die Ausbildung und Nutzung von Netzwerken betrachten wir auch beim sogenannten Deep Learning. Hierbei werden künstliche neuronale Netzwerke (Computer- Netzwerke) genutzt, um sie, nach dem natürlichen Vorbild des menschlichen Gehirns,  darauf zu trainieren, eigenständig Muster zu erkennen und zunehmend komplexere Aufgaben zu lösen. 

Muster erkennen und sinnvolle Verknüpfungen erstellen, das machen wir also automatisch und unbewusst. 

Dass man sich Verknüpfungen wie die von Reizen und/oder Reaktionen in der Medizin auch zunutze machen kann, zeigt beispielsweise die Biofeedback-Therapie, die auf dem Prinzip der ,,Konditionierung” basiert. Ist die Therapie erfolgreich, so bewirkt die gezielte Reiz-Reaktions-Kopplung, dass der Patient lernt, körperliche Regulationsvorgänge wie den Blutdruck selbst zu beeinflussen. 

Es wird ersichtlich: in Medizin und Forschung beschäftigt man sich in vielen Bereichen mit Lernvorgängen. 

Doch das Thema spiegelt sich nicht nur in meinen Studieninhalten wieder, sondern beschäftigt mich auch allgemein, als Studentin. 

Die Frage welche Lernstrategie man wählen sollte, kommt im (Medizin)Studium immer wieder auf. 

Wie bereitet man sich am besten auf Klausuren vor? Wie machen es die Kommilitonen?  

In der Semestergruppe tauscht man sich nicht selten darüber aus.

Es ist oft eine Herausforderung für sich, eine geeignete Lernstrategie zu finden. Manchmal muss man auch mehrere Strategien vereinen, bisherige Strategien über den Haufen werfen und/oder neue ausprobieren.  

Sobald die Klausur vorbei ist, lässt sich dann ein Fazit ziehen. Im Nachhinein weiß man, wie geeignet die gewählte Herangehensweise tatsächlich war. 

Die frustrierende Wahrheit ist allerdings, dass einem dieses Fazit nur von begrenztem Nutzen ist, da jedes Fach und jeder Professor, also folglich auch jede Klausur, seine ganz eigenen Tücken hat und verlangt, dass man sich wieder neu orientiert. 

Lernen will also auch erst erlernt sein. 

Hierbei spielt es sicherlich eine wichtige Rolle, welches Ziel der Student verfolgt. 

Wird bei einer Klausur angestrebt, die höchstmögliche Anzahl an Punkten zu ergattern oder wird es als ausreichend betrachtet, die Mindestpunktzahl zu erreichen – Hauptsache nicht durchgefallen? 

Dass die Mindestpunktzahl zu erreichen nicht unbedingt eine kleine Hürde sein muss, hat mir das vergangene Semester deutlich gezeigt. So haben sich nicht wenige Freiburger Medizinstudenten die Zähne ordentlich an der Histologieklausur ausgebissen. 

Ich habe mich einmal mit einem Kommilitonen darüber unterhalten. 

Wir standen einander gegenüber auf der Wiese im Stühlinger Park und warfen uns gegenseitig bunte Jonglierbälle zu. Die Mission war: mir Jonglieren beizubringen. 

Das sah in etwa so aus: Er wirft einen Ball, ich werfe zurück, okay. Wir versuchen es mit zwei Bällen, okay. Wir steigern den Schwierigkeitsgrad, werfen überkreuzt, höher, schneller. Okay. Es klappt gut, wir grooven uns relativ schnell ein. 

Doch dann versuchen wir es mit drei Bällen und plötzlich werde ich panisch. Denn während ich versuche, den einen Ball zu fangen und den anderen zu werfen, schleudere ich den dritten im hohen Bogen davon. 

Ich weiß, meine Panik ist hierbei wohl der springende Punkt. Denn derartige Lernprozesse haben viel mit Überwindung und der guten alten Selbstwirksamkeitserwartung zu tun. Es ist reine Kopfsache mit den Bällen.

Der Kommilitone lächelt geduldig. ,,Das ist der Witz, Audrey. Du kannst das schon. Wir haben den Bewegungsablauf schon drin. Du musst nur dasselbe mit einem weiteren Ball machen.“

Das ist im übrigen die typische Aussage, die man zu hören bekommt, wenn einem jemand Jonglieren beibringen will. Ich höre es nicht zum ersten Mal. 

Wir werfen, ich schleudere, er grinst. 

Es ist die Art Tätigkeit, bei der man sich über Gott und die Welt unterhalten kann. 

Mit ihm ganz besonders, denn er hat eine wahnsinnig spannende Geschichte. Sein Werdegang zeigt meiner Meinung nach eindrucksvoll, wie vielfältig die Menschen doch sein können, die Medizin studieren. Stereotyp? Weit gefehlt. 

Doch ich behalte es mir vor, davon ein andermal zu berichten. 

So viel sei gesagt: der Kommilitone ist ziemlich intelligent und versteht sich gut darauf, sich selbst (und anderen Menschen) Dinge beizubringen. 

Dennoch ist er schon einige Male durch Prüfungen durchgefallen. 

In unserer Semestergruppe ist er dafür bekannt, dass er ziemlich viel Humor hat. 

Vor allem, wenn gerade Klausuren anstehen und einige die Nerven verlieren, lockert er die angespannte Stimmung auf, indem er den ein oder anderen witzigen Kommentar zum besten gibt. 

Im Übrigen ist er mir so auch zum ersten Mal aufgefallen. 

Zwei Tage vor der ,,OC”-Klausur (OC = Organische Chemie), als in der Gruppe wieder einmal das passierte, was mich normalerweise dazu animiert, sie aus nahezu therapeutischen Gründen stumm zu schalten: Diskussionen über hochspezifische  Sachverhalte. Prüfungsfragen werden derart auseinandergebröselt und zu-Tode-analysiert, da würden selbst meinen Professoren die Augenbrauen in die Höhe wandern. Spekuliere ich zumindest. 

Es wird also gefachsimpelt, da kommt plötzlich von besagtem Kommilitonen folgende Nachricht :

,,Ich, wie ich zwei Tage vor der Klausur anfange zu lernen”

Klar hat er schon früher mit dem Lernen begonnen. 

Dennoch, dass einem auf einmal alles suspekt vorkommt, selbst Grundlagen aus der 9. Klasse, das ist mir auch schon passiert. 

Aber auch so sorgt er regelmäßig für Lacher.

In der Semestergruppe hat es ihm jedenfalls einen gewissen Legendenstatus beschert. Es sei angemerkt: Die Bedeutung der WhatsApp-Semestergruppe darf bei meinem bisher digitalen Studium keineswegs unterschätzt werden. 

Allerdings nimmt er nicht nur vor den Klausuren den Druck heraus. Er ist leider auch regelmäßig bei den Nachschreibern anzutreffen. 

Er hat beispielsweise nach der Chemieklausur die Gruppe „Doktor K. – Fanclub“ gegründet, wo sich die Nachschreiber gegenseitig helfen können. Mir erzählte er später, dass der Gruppe auch einige Studenten beigetreten sind, die zwar bestanden hatten, jedoch trotzdem ihre Hilfe in Form von Aufschrieben und Karteikarten offerieren wollten. Ich finde diese Art der Solidarität toll, denn meiner Meinung nach können wir uns zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden: 

Wir können Punkte vergleichen und selbst-orientiert sein – oder wir unterstützen uns gegenseitig und stehen einander bei. 

Quasi: ,,Ellenbogen-Mentalität“ versus ,,funktionelles Synzytium“

Ersteres habe ich bei uns jedoch noch so gut wie gar nicht beobachtet. Konkurrenzkampf bemerke ich eher bei den Jurastudenten. 

Zurück in den Park, zum Jonglieren.

,,Aber woran liegt das”, habe ich den Kommilitonen gefragt, ,,dass du so oft durchgefallen bist? „

Wir überlegten gemeinsam. 

Der Lernprozess wird durch vieles beeinflusst. Hier spielt sicherlich auch eine Rolle, wieviel Zeit und Mühe man bereit ist, in das Lernen zu investieren. Ich nenne es gerne den ,,Aufopferungswillen”. Wie hoch ist die Bereitschaft, Freizeit, Schlaf und Nerven aufzuopfern, um Leistung zu erbringen? Die Bereitschaft ist bei Medizinstudenten allgemein höher als bei Studenten anderer Studiengänge. 

Was limitiert den Lernvorgang noch? Ganz klar: die eigene Disziplin und Konzentrationsfähigkeit. Gemein ist: es gibt Menschen die haben einfach eine gewisse Veranlagung, die es ihnen erlaubt, sowohl schneller als auch nachhaltiger zu lernen. Gedächtnisforscher haben schon länger aufgedeckt: Lerngeschwindigkeit und Langzeitgedächtnis hängen zusammen. Denjenigen, die langsamer lernen bleibt demnach nur übrig, sich durch viel Üben und Wiederholung zu verbessern. 

Ich kenne einen Medizinstudenten im 7. Semester, der behauptet von sich, unglaublich faul zu sein. Ich war sehr überrascht, das zu hören, da er doch ziemlich erfolgreich zu sein schien, mit dem was er tat. Schließlich begann er nicht zuletzt seine Doktorarbeit bereits im 6. Semester. Sollte er tatsächlich so faul sein, wie er behauptet, dann gehört er wohl zu dem Lerntyp, der veranlagt ist, sich Dinge schnell zu erschließen.

Ich kann allerdings nicht klar zuordnen, welchem Typ ich enstpreche, da mein Lernprozess stark von meiner Begeisterungsfähigkeit geprägt wird. Fächer, die mich mehr interessieren, erschließen sich mir auch schneller.

Abgesehen von dieser Veranlagung werden unsere geistigen Fähigkeiten natürlich durch den individuellen Lebensstil, also durch Schlaf, Ernährung und Sport beeinflusst. 

Wenn ich an diesen Komponenten schraube, bemerke ich relativ schnell, wie sehr das meine Aufnahmefähigkeit beeinflusst. Gerade, wenn ich mal wieder besorgniserregend wenig schlafe. Ich bemerke es sowohl bei mir, als auch bei befreundeten Kommilitonen: sich selbst gut zu behandeln, ist nicht immer leicht.

Man hat einfach häufig sehr viel zu tun.

Was mich zu dem Aspekt bringt, der den nachhaltigen Lernprozess mit Sicherheit am strengsten limitiert: zu wenig Zeit und gleichzeitig ein ungeheures  P e n s u m.

Es gibt in meinen Augen nur wenig Begriffe, die das Medizinstudium so treffend beschreiben. Wenn ich mir anschaue, was man in einer Klausur von uns wissen will, dann frage ich mich doch, was, beim besten Willen, war denn das Abitur bitte für ein Klacks dagegen? Schüler hören das im übrigen überhaupt nicht gerne. Tja, it is what it is. 

Es ist im Prinzip jedes Mal zu viel Pensum, als dass man alle Teilaspekte, alle Themengebiete auch nur ansatzweise im Detail beleuchten könnte. Mein ehemaliger Nachbar, jetzt so gut wie fertig mit der Facharztausbildung, meinte einmal zu mir:

,,Audrey, du musst lernen auf Strategie zu lernen. Ich weiß, das hört man nicht gerne. Aber anders kommst du nicht weit, im Medizinstudium. Der Großteil erschließt sich erst im Nachhinein. Mit der Zeit machen manche Dinge mehr Sinn.” Ich meine jetzt schon zu verstehen, was er mir sagen wollte. Mit der Zeit überschneiden sich immer mehr Studieninhalte der einzelnen Fächer. Jetzt schon merke ich:  immer mehr Wissen greift ineinander und mehr Dinge machen Sinn. Ich kann allerdings nur für die Vorklinik sprechen.

Was das ,,auf Strategie” lernen betrifft, von dem mein Nachbar gesprochen hat: Ich finde mich immer mehr damit ab, dass er Recht hat. Bei dem Lernen auf Klausuren passe ich mich zunehmend meinen Professoren an. Wenn man liefern möchte, muss man vorausahnen, was der Professor von einem hören möchte. Ich würde lügen, wenn ich bestreiten würde, dass sich mit der Akzeptanz dieses Umstands auch ein Stück weit mein Idealismus bezüglich des Medizinstudiums verringert hat. 

Ich studiere nicht zuletzt deshalb Medizin, weil ich ein starkes Interesse an dem Studieninhalt habe. Ich würde gerne einiges statt auf Strategie lieber auf Verständnis lernen.

Aber dann fällt mein Blick auf die schweren Medizinbücher in meinem Bücherschrank – einige können bezüglich Dicke und Schwere sicher mit den Gesetzbüchern der Juristen mithalten – und mir wird ein wenig schwindelig. Pensum, it is what it is.


Autorin:

Audrey

Coucou, mein Name ist Audrey und ich bin eine aufgeweckte Medizinstudentin aus Freiburg!

Derzeit befinde ich mich ich im vierten Fachsemester Humanmedizin der Albert-Ludwigs-Universität. Ich bin unternehmungslustig, neugierig und nehme mich selbst meistens nicht allzu ernst. Hier schreibe ich ehrlich und ungeschönt über das Medizinstudium, das Studentenleben und so manches anderes.

Mach dir doch einfach dein eigenes Bild. Bis dann!

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