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Biochemie-Klausur im vierten Semester des Medizinstudiums

Nach der Klausur ist vor der Klausur I: Biochemie und Selbstzweifel

Die letzten Tage vor der ersten Abschlussklausur vergehen viel zu schnell.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass die Zeit besonders angenehm war.

Bei mir schlich sich eine bedrückte Stimmung ein, die meistens schon mit dem Aufwachen einsetzte.

Unzufrieden, weil ich am Vortag nicht das geschafft hatte, was in meinem Lernplan stand.  Weil ich noch so viel Neues zu lernen hatte. Immer ein bisschen hinterher.

Unzufrieden, weil ich mir nicht jedes Detail von dem wieder abrufen konnte, was ich gelernt hatte. 

Weil Aufnahmekapazitäten begrenzt sind. Limitiert durch den Umstand, dass ich mir nur Sachen merken kann, die ich auch verstanden habe. Gleichzeitig blieb aber genau dafür so wahnsinnig wenig Zeit.

Die Tage sind zu kurz. Allesamt. Obwohl ich alle Aktivitäten, die nicht Lernen beinhalten, auf ein Mindestmaß reduziert hatte. 

Ich fand kaum die Zeit, die Wohnung aufzuräumen oder Hausarbeit zu betreiben. Also verschob ich das auf meine Lernpausen. Nach dem Motto: Wenn Hirn nicht mehr will, dann wird eben aufgeräumt.

Ein Tag umfasst das Beantworten irrsinnig vieler Klausurfragen, das Durcharbeiten klausurrelevanter Vorlesungen, das Lesen von Karteikarten. Entweder daheim oder beim Laufen gehen.

Meine Freundin und ich beim Lernen, EKG-Lagetypen interessieren sie eher weniger

Hauptsache immer weiter lernen. Schauen was noch geht. Es klappte nicht immer.

Ausdruck dessen, wenn mal nichts mehr geht und man es dennoch weiter versucht

Dann ist da noch das zweite Prüfungsfach, welches man nicht ganz zu vernachlässigen versuchte.

Doch als ich darüber hinaus für ein Seminar noch einen Vortrag zu halten hatte, stieß ich endgültig an die Grenzen des Tages.

Da ich nun viel von Zuhause aus lernte, wollte man nach mir sehen. Wie ist die Lage? Wie ist die Stimmung? Auch, wenn unsere Wege nicht immer gleich verlaufen, achten meine Kommilitonen und ich aufeinander.

Doch Besuch konnte ich gerade keinen empfangen.

,Heut nicht. Ich zauber jetzt ne Präsentation.”, schrieb ich einer Freundin.

,Hast du gezaubert?‘, würde sie sich später erkundigen.

Meine Antwort folgte  irgendwann zwischen später Nacht und frühem Morgen.

Es war der zweite Tag der Woche, an dem ich nur drei Stunden Schlaf bekam. Wobei ein bis zwei Stunden des Schlafdefizits sicher auf innere Anspannung und Unzufriedenheit zurückgingen.

Ob ich das auch tagsüber hätte erledigen können? Mit welcher Zeit? Das Erstellen und Einüben von Präsentationen kostet Stunden. Stunden, die ich nicht hatte. Der Vortrag lief jedenfalls gut. Ich bekam positives Feedback. Doch es war nichts, was mich in meiner Leistungsübersicht weiter brachte. Es war nur ein nerviger Zeitaufwand, verbunden mit dem Stress einer Face-to-Face-Vorbesprechung mit dem Professor.

Da meine Präsentation und mein Handout in besagter Vorbesprechung regelrecht auseinander zerlegt wurden, war jede Minute Schlaf die ich geopfert hatte, sinnvoll investiert. Freiburger Physiologen sind, wie mir scheint, von Natur aus unzufrieden. Was Lehrbücher sagen, gefällt ihnen teilweise nicht. Was der Volksmund sagt, sowieso nicht. Nur mit einem ,,Von diesem Kanal wurde aber auch in der (Zusatz)Vorlesung gesprochen.”, ist dem zweifelnden Professoren Einhalt geboten. Gegen die Kollegen nicht.

Aber wie gesagt. Es klappte alles.

,Man gibt sein Bestes, doch man ist nicht perfekt.’

Eigentlich war das stets mein Mantra im Medizinstudium. Und doch sieht die Lage dieses Mal anders aus: In der Biochemie-Abschlussklausur muss ich sehr viel Punkte holen. 

Die Augen glasig und geistig nicht ganz anwesend, begegnete ich meinen Freunden und meiner Familie in dieser Zeit eher apathisch.

Bei zweimal drei Stunden Schlaf in der Woche, wurde ich zudem dünnhäutiger.

Gleichzeitig resignierte ich. ,,It is, what it is.”, begleitet von einem kurzen Schulterzucken. Das wurde mein Standardspruch.

Aber wie gesagt, die Situation war eine besondere. 

Wenn ich eine der Klausuren verhauen würde, schließe das die Möglichkeit 2022 Physikum zu machen aus.

Doch die mündliche Nachprüfung in Biochemie war mein stärkster Lernantrieb. Bitte nicht. Nicht über den Stoff der zwei Semester und des Praktikums. Bitte nicht. Nicht jetzt zumindest. Erst beim mündlichen Physikum, wenn man nicht mehr umhin kommt.

Wir sitzen in der Sonne vor dem Rundsaal. In der Ferne spielen zwei Leute Frisbee. Ich betrachte sie sehnsüchtig und beneide sie, um ihre scheinbare Sorglosigkeit. Ich wäre jetzt auch gerne sorglos. 

Stattdessen halte ich eine blaue Kurskarte in der Hand. Auf ihr stehen wichtige Informationen. Die Punktzahl der ersten Klausur, beispielsweise, oder die bestandenen Praktika. Neben mir unterhalten sich zwei meiner Kommilitonen über die Klausur. 

,,Wie geht es dir?“, fragt die eine.

,,Eigentlich bisher ganz gut. Weil ich damit abgeschlossen habe, dass es nichts wird. Ich habe einfach nicht die Zeit gehabt, ein Verständnis für die Themen zu bekommen. Ich habe nicht mal Halbwissen. Viertelwissen vielleicht.”

,,Naja, die Vorstellung Physikum für ein halbes Jahr zu schieben, hat auch was Beruhigendes. Wie ist es denn, brauchst du für die zweite Klausur viele Punkte?”

Er nennt ihr eine Ziffer.

,,Hmm, das ist schon ne Hausnummer.”, erwidert sie.

Ich seufze und blicke auf meine Karte.
Bei der ersten Klausur war ich krank. Ich brauche zwei Punkte mehr als er.

Nach und nach trudeln die anderen ein. Es tut mir ganz gut, sie um mich herum zu haben.

Später werden wir beieinander stehen und uns nach dem Wohlergehen der jeweils anderen erkundigen. Meine Freunde wissen mit wieviel Druck ich kämpfe.

Sie drücken mir die Schulter, als ich zugebe:

,,Ich bin zu neunzig Prozent anxiety, zu zehn Prozent Audrey.”

.Selbstzweifel. In meinem Kopf wurde es von Tag zu Tag unbequemer.

Ob ich mich stresse, wollten meine Engsten von mir wissen.

,,Nein ich stresse mich nicht. Das ist viel zu energieaufwendig. Ich zermürbe mich nur.”

Auch das sollte eine Standardantwort von mir werden.

Ich schloss alles weg, was mich ablenken könnte und arbeite mich durch. Thema für Thema.

Irgendwann wurde mir klar, dass es nichts werden könne mit dem Stex. Nicht 2022.

Und das, obwohl ich mein Bestes gab. Obwohl ich nicht einmal zehn Projekte neben der Uni wahrnahm, wie sonst immer.

,,Es tut mir leid, aber ich kann leider nicht einspringen. Die Uni dreht mir gerade die Luft ab. Ich hoffe ihr könnt eure Corona-Ausfälle anderweitig kompensieren.” Keine zwei Stunden nach Klausurende schreibe ich der Leiterin vom Ehrenamt. 

Nein, ich habe gerade wirklich keine Ressourcen.

.Bronchokonstriktion. Ich war die ganze Zeit wahnsinnig angespannt. Gleichzeitig verlor ich die Fähigkeit, mich selbst einzuschätzen. 

,,Hast du das gerade verstanden?”, habe ich mich immer wieder gefragt, wenn ich etwas gelesen hatte. Mein Hirn war im Dauer-Aufnahmemodus. 

Während der Klausur saß ich dann vor dem Papierbogen und wusste nicht, was mein Gehirn gleich hervorbringen würde. Ich müsste mehr als dreiviertel der Punkte für mich gewinnen. Ich sah keine Chance, dass es klappen könnte.

Der Tag vor der Klausur war von sporadisch auftretenden Selbstzweifel-Anfällen geprägt gewesen. 

Spätestens da hatte ich sie nicht mehr unterdrücken können. 

Sie hatten mich nicht gelähmt. Ich hatte aktiv an Lücken gearbeitet. Aber der Druck machte sich körperlich bemerkbar. Ich konnte nicht schlafen, obwohl ich den Koffeinkonsum reduziert hatte. Um 3 Uhr 30 vor der Klausur war ich überzeugt, das Todesurteil sei gefällt. 

Abhilfe schafft in so einem Moment allenfalls Baldriantee und gute Freunde, die selbst zu ungewöhnlichsten Zeiten erreichbar sind. 

Dann habe ich doch noch geschlafen. Nicht lange, aber fest. Ich sollte mich morgens tatsächlich noch eine halbe Stunde hinlegen, bevor ich los musste. Nicht gewöhnlich für mich. 

Auf dem Fahrrad dachte ich über den Harnstoffzyklus nach. Ich hatte ihn nur einmal angeschaut, Ich wusste nicht, ob ich mir alle Intermediate gemerkt hatte. Mein Kopf tat weh, als ich darüber nachdenke, ob zuerst Citrullin oder Ornithin kommt. Ich entschied mich für Citrullin, wegen Argininosuccinat.

,,Wieviel Punkte musst du bekommen?, fragte diejenige neben mir.

Ich nannte ihr die Ziffer. Sie nickt. ,,Ich auch. Das wird.”, ihr warme Lächeln tat gut.

Ich hielt die Luft an.

Ich raufte mir die Haare. Hielt die Luft weiter  an. Kritzelte wie wild auf meinem Papierbogen herum. Nach zehn Minuten war ich fertig und hatte mit der Klausur abgeschlossen. Ich zwang mich die Fragen nochmals durchzulesen. Nochmals meine Antworten zu überprüfen.

Ich atmete kaum, wie mir schien. Den Bauch angespannt. Eine Aufgabe zerdachte ich besonders. Ich kam auf kein sicheres Ergebnis. Es ist nichts, was ich in meinen Büchern oder Aufschrieben stehen hatte. Es ist ein Detail des Praktikums. 

Zum ersten Mal änderte ich nichts mehr an den Antworten. Streiche fast schon wütend weg, was mir in einer Aufgabe nicht passt.

,,Warum sollte ich bei Eisenmangel die Hämsynthese induzieren? Quatsch.”

Ich gab die Klausur ab und merkte, dass die Anspannung nicht wirklich abnahm. Auch wenn sich meine Psyche beruhigte.

,,Und?”, die neben mir wandte sich an mich.

Wir unterhielten uns. Ich gab zu, dass ich nicht davon ausging, dass es geklappt haben könne.

Sie schloss sich dem an. Allerdings hatte sie noch vor wenigen Tagen die Histonaschreibeklasusur bewältigen müssen.

Die Ergebnisse der Klausur erreichten uns super schnell. Ich würde es jedoch nicht über mich bringen, die Ergebnisse einzusehen. Einfach, weil ich nach der Klausur eine Frage nachgeschlagen hatte und wusste, dass ich sie nicht richtig hatte. ,Dann wird wohl der Rest auch nicht stimmen.‘, plädierten meine Selbstzweifel.

Erst am Abend, in der UB, bei einem Physiolerntreffen mit meiner Freundin, würde ich einen Blick in das Dokument wagen. Alleine hätte ich es wohl noch hinausgezögert. Doch meine Freundin bekräftigte mich.

Ich starrte auf die Punkte. Verfolgte die Konturen der Ziffern. Blickte zu meiner Freundin, fragte mich, ob ich mir das einbildete.

Die Frage, die ich nachgeschlagen hatte, von der ich wusste, dass ich sie falsch hatte, sollte die einzige sein.

Ich will nicht lügen, ein bisschen Krokodilstränen waren schon da. Bestanden. Unglaublich gut.

Punktedefizit der ersten Klausur mehr als ausgeglichen. Weil ich weiß, wieviel Arbeit ich da reingesteckt habe, bin ich zum ersten Mal wirklich stolz auf mich.

PS: Die Histologieklausur war als Aussenstehender ziemlich spektakulär mit anzusehen. Die Fragen hatten es wirklich in sich. Meines Erachtens unverhältnismäßig für einen Zweitsemestrigen. Aber was will man machen. Histologie ist in Freiburg, genau wie Physiologie, Egosache der Professoren. ,,Wir sind’s.“, sagen sie mit der Klausur. Und sind dann im Nachhinein jedes Mal gezwungen, den Schnitt ein wenig anzupassen. Ganz so viele können sie ja auch nicht durchfallen lassen. Als die Ergebnisse veröffentlicht wurden, beobachteten meine Freunde und ich an verschiedensten Orten in Freiburg Leute, die mit Antwortbogen und Handy hantierten. Meine Freundin hat jemanden gesehen, der dafür vom Fahrrad stieg. Ich habe zwei am Wegesrand sitzen sehen. In der Straßenbahn wurden sie auch gesichtet.

Meine Klausuren-Sitznachbarin sollte die Klausur bestehen. Verdient, möchte man behaupten.


Autorin:

Audrey

Coucou, mein Name ist Audrey und ich bin eine aufgeweckte Medizinstudentin aus Freiburg!

Derzeit befinde ich mich ich im vierten Fachsemester Humanmedizin der Albert-Ludwigs-Universität. Ich bin unternehmungslustig, neugierig und nehme mich selbst meistens nicht allzu ernst. Hier schreibe ich ehrlich und ungeschönt über das Medizinstudium, das Studentenleben und so manches anderes.

Mach dir doch einfach dein eigenes Bild. Bis dann!

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