Aktuelles

Verbindungen knüpfen nach den Semesterferien beim gemeinsamen Essen der Medizinstudenten

Viertes Semester: Wiederanbündeln und Vermeidungsverhalten I

Stimmungswechsel, Energiesparmodus und andere Vorbereitungen

Das vierte Semester ist einfach auf uns zu gerollt. Wie eine Welle am Strand. Erst noch aus der Ferne betrachtet und plötzlich steht man mittendrin.

Je nachdem wie stark die Flut noch wird, bleibt die Frage, ob wir standhaft bleiben, uns mitreißen lassen oder gar untergehen.

Wir schütteln alle ungläubig den Kopf, in Anbetracht der Geschwindigkeit, mit der die Zeit vergeht.

Mein Denken und Handeln ist vor allem durch einen immer wiederkehrenden Gedanken geprägt:

,,Jetzt darf man nichts dem Zufall überlassen.”

Ein Mantra, das mich dazu veranlasste, ein paar Dinge in meinem Leben umzukrempeln. Vorbereitungen zu treffen.

Frei nach dem Motto ,,Ablenkungen reduzieren” begann ich damit, mich sukzessive aus Projekten zurückzuziehen, um mir mehr Zeit frei zu schaufeln. 

So führte ich beispielsweise ein langes Gespräch mit der Chefin meines Ehrenamts, um auch sie auf das vorzubereiten, was bei mir nun anstehen sollte. Ich musste einsehen, dass mir ein Zuviel an Verpflichtungen bloß die Luft abdrehen würde. Damit wäre niemanden geholfen. Auch nicht beim Ehrenamt.

Mein Vorgehen resultierte darin, dass ich zum ersten Mal seit langem keine endlos vollen Wochenpläne mehr hatte. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten schlief ich genug. Es tat mir gut. Mehr Konzentration und ein stabileres Nervengerüst – oh, vielleicht chronischen Schlafmangel in Zukunft doch mal vermeiden? Leicht fällt es mir nicht. Egal auf welche Uhrzeit ich meinen Wecker stelle, meistens bin ich schon mindestens eine halbe Stunde davor auf den Beinen. Aber gut. Man kann es sich ja vornehmen. 

Weil ich chronisch unterbeschäftigt bin, habe ich dann erstmal Wohnungsputz betrieben und meine Wände neu gestrichen.

,,Diagnose Ameisen im Hintern.”, hatte mal eine Krankenschwester zu mir gesagt.

Manchmal stimmt das. 

Aber gut. Sei es drum. Bald würde für derartiges sowieso keine Zeit mehr bleiben.

Der Energiesparmodus erstreckte sich auf die Wahl meiner Lernorte. Für eine gewisse Zeit, wandte ich dem vierten Stock den Rücken zu.

Vermeidungsverhalten

Nach den Pfingstferien war der vierte Stock voller besetzt, denn je. Selbst an den Stehtischen wurde es eng. Ein Schwenk nach links und ich habe den Kopf auf dem hochgelagerten Gesetzestext des Juristen neben mir. Ein Schwenk zur anderen Seite und ein Physio-Skript liegt auf dem Boden. Dabei muss es sich gar nicht um meines handeln. Der vierte Stock ist voll damit. Physiologie WS und SS 22, blau weiß, eines sieht mitgenommener aus als das nächste. Dann immer mal wieder Histobücher, Skripte und Aufschriebe. Die einzigen, die im vierten Stock konstant auftreten, sind die Juristen. Zumindest scheint es mir und meinen Freunden so. Aber vielleicht wissen wir ihre Gesetzesbücher auch einfach nicht zu unterscheiden.

Im vierten wurde es mir jedenfalls zu voll. Also war der nächste Umzug der in den dritten Stock. Nun muss man sagen, in der UB gleicht kein Stockwerk dem nächsten. Und innerhalb der Stockwerke trennt eine Glaswand hinter den letzten Bücherreihen das Parlatorium von den Lesesälen. Die Leute unterscheiden sich, die Sitzmöglichkeiten, die technische Ausstattung, die Fachliteratur, die Stimmung. 

Der dritte Stock konnte mich tatsächlich auch nicht halten. Übergangsweise zog ich in das Parlatorium um.

Mittagessen am Stein

Das Essen im Institutsviertel ist so eine Sache. Meistens so grün, wie das Viertel. Meistens so gesund, wie man es von unserer Öko-City erwarten würde. Allerdings trifft es meist nicht ganz meinen Geschmack. Ich bin eindeutig Team Rembrandtstraße. Auch, wenn das Institutsviertel so viel schöner ist. Wenn man sich in Rembrandtstraße nicht für ein Essen entscheiden kann, dann liegt es in der Regel daran, dass es mindestens zwei oder drei Dinge gibt, die selbst das Herz einer Vegetarierin höher schlagen lassen.

Schade eigentlich. Die Lage der Mensa im Institutsviertel ist optimal, wenn man mal nicht aus der UB, sondern aus Vorlesungen, Praktika, Seminaren, dem Weißmannssaal oder der Chemie-Bib kommt. 

Außerdem sieht man immer viele Menschen, die mit einem studieren. Sie in einer Nicht-Lern-Stimmung anzutreffen ist eine schöne Abwechslung.

Allerdings muss man im Sommer auch damit rechnen, dass es hier voll belegt ist. 

So haben wir uns neulich zur alternativen Möglichkeit entschieden, unser Essen an einer Steinfassade einzunehmen. Frei nach dem Motto ,,Wo kein Platz ist, wird Platz geschaffen.”

Lustig sah es jedenfalls aus. Gemütlich war es so semi.

Es war unmittelbar nach dem Physio-Seminar, vor dem folgenden EKG-Seminar im Klinikum. Die Gespräche schweiften wie immer in alle Richtungen ab.

Die hohen Inzidenzen in Freiburg waren ein Thema. Ich bin nun schon zweifach genesen, doch es gibt auch Studierende, die bisher verschont geblieben sind. Die Ansteckungsrate steigt jedenfalls.  Diejenigen von uns, die in Testzentren arbeiten, vermelden ein deutlich höheres Aufkommen. Was macht man, wenn der Mitbewohner positiv ist? Wie weicht man aus?  

Eines steht fest: die Zeit in der man unbedingt gesund bleiben muss, die steht unmittelbar bevor. 

Im Institutsviertel spielt jemand Klavier. Es ist eine schöne Pause zwischendurch. Wir unterhalten uns darüber, wo man derzeit am besten lernen kann.

Erstaunlicherweise bin ich nicht die einzige, die das Vierterstockvermeidungsverhalten an den Tag legt. Viele weichen auf den dritten aus. Lieber zwischen Medizinern mit Histologie-Skript (Zweitsemestrige) lernen, als zwischen Physio-Skripten (Viertes Semester).

Aber wie es scheint, ist man immer unter Medizinern.

Anbündeln

Ich denke, es gehört zum Erwachsensein dazu, dass man Leute, die man eigentlich gern hat, gelegentlich aus den Augen verliert. Es ist ein unmerklicher Prozess, der dadurch bedingt ist, dass wir alle nach unserem eigenen Rhythmus leben.

Ein Rhythmus, der bei Medizinern womöglich stärker vom Studium bestimmt wird, als bei anderen Studenten.

Das gehört zu unserem Studium dazu. Das ist nicht zu vermeiden.

Auch, wenn nicht jeder von uns bereit ist, das hinzunehmen. Ich erinnere mich noch genau an eine Veranstaltung unserer Fachschaft, die ich im ersten Semester besucht habe. Es war eine Infoveranstaltung, die einen Austausch zwischen Studenten höherer und niederer Semester gewährleisten sollte. Was mir von dem Tag besonders in Erinnerung geblieben ist, war die Begegnung mit einem Studenten aus dem achten Semester. Er plädierte: ,,Ich bin nicht mein Studium. Ich lasse mein Leben nicht davon bestimmen. Zumindest versuche ich mich an dieses Mantra zu halten.“ Ich denke immer wieder an diese Worte zurück. Sie beinhalten durchaus einen wichtigen Appell. Dennoch. Ganz so leicht ist das nicht. Das Studium lässt einem zeitenweise einfach mehr oder weniger Spielraum. Insbesondere, wenn man bemüht ist, den Anschluss an das gewaltige Pensum nicht komplett zu verlieren.

Es erfordert einen gewissen Fokus.

Ein Fokus, der den eigenen Rhythmus prägt und beschleunigt, dass man manchmal Freunde aus den Augen verliert.

Doch der Zustand ist nicht irreversibel.

Es zählt für mich auch zu den Qualitäten einer guten Freunschdschaft, dass das Wieder-Anbündeln so reibungslos und schnell abläuft.

Man hat dann immer viel zu erzählen und es scheint, als sei seit dem letzten Anbündeln kaum Zeit vergangen.

Das ist so eine Sache, die man im Sommer macht. Nach der kälteren Jahreszeit, bei der sich manche eher zurückziehen. Wenn es einmal wärmer wird bieten Sommerfeste, Grillabende, OpenAir Events und weiteres reichlich Gelegenheit dazu. Oder nicht? 

Im Sommer ist der Veranstaltungskalender
des SWFR und der Fachschaften voll

Es könnte so einfach sein.

,,Hey Du! Bald veranstalte ich ein Sommerfest und würde mich freuen, wenn du auch dabei bist! Du hast, wenn ich mich nicht irre, in wenigen Wochen Semesterferien, oder? Wohl verdient, möchte man behaupten! […]”

Ich seufze auf, als ich die Einladung lese. Sie kommt von einem meiner Freunde aus einem anderen Studiengang. Ein klassicher Wiederanbündelungskandidat, zu dessen Sommerfest ich sicher gerne gegangen wäre.

Dennoch kann ich mir ein Aufseufzen nicht verkneifen.

Ja es ist Sommer. Das Jahr ist wie im Flug vergangen. Das vierte Semester gleichsam. 

Aber nein, Semesterferien erwarten mich keine.

Es stehen die letzten Präsenztermine vor den Prüfungen an. EKG-Seminar, Check. BC-Praktikum, Check. Nochmal die Tutoren im Physiopraktikum nerven, Check.

Dann die zwei Klausuren. 

Wie ist die Stimmung?

Verglichen mit dem dritten Semester…

Die Stimmung mag bis jetzt mal besser, mal schlechter gewesen sein, doch es vergeht kein Tag an dem ich mir nicht denke, dass das dritte Semester so viel schlimmer war. 

Die kleine Schwester meiner Kommilitonin – ebenfalls Medizinstudentin, hallo Berufskrankheit – kommt nun bald ins dritte Semester. Auch einige meiner Kommilitonen haben Freunde und Bekannte unter den derzeitigen Zweitsemestrigen. Ob man sie vor dem bewahren könne, was ihnen bevorsteht, haben wir uns gefragt. 

,,Als wir damals im dritten waren und meine Mitbewohnerin gerade angefangen hat, da habe ich versucht, ihr nicht zu zeigen, wie schlimm das Studium sein kann. Aber ja haha, zu spät, die haben das schon gecheckt.”, meinte eine Freundin.

,,Ja weißt du, ich habe mir vor dem dritten Semester schon so ein wenig Sorgen gemacht. Man wusste ja irgendwie, dass das nicht leicht wird. Der Ruf eilt dem Semester voraus. Aber wisst ihr was?”, ich schaue in die Runde. ,,Ich hätte mir eh nicht vorstellen können, dass es so übel wird.” Zustimmendes Gelächter.

Tatsache ist, es werden jetzt schon Tutoren für die neuen Erstis gesucht. Eine Aufgabe, die immer den derzeitigen Dritties zukommt. Die Horrorvorlesung, die Tutorengruppen, die Stadtrallyes, all das will organisiert werden.

Tatsache ist aber auch, dass sich die derzeitigen Zweitsemestrigen gerade noch durch Histo 2 beißen.

Vor einem Jahr war ich dort, wo sie waren. 

Christopher-Streetday in Freiburg. Damals ein besonderes Festival, weil eigentlich noch alles unter dem Corona-Veranstaltungstopp stand. 

Ich weiß das noch genau, weil ich an dem Tag über einem besonders nervigem Thema der zweiten Histologieklausur brütete. Schließlich schloss ich mich meinen Kommilitonen und weiteren Studenten an, um ebenfalls den CSD zu besuchen.

In solchen Zeiten merkt man sich alles. Es passiert einerseits sehr wenig und doch irgendwie viel gleichzeitig.

Es ist eine angespannte Stimmung: das Semesterende steht bevor.

Nochmal durch Histo würde ich jedenfalls nicht woll….Ach ja, Physikum. Stimmt. Da ist Histo im Mündlichen und Schriftlichen auch dabei. Schön.

Mit diesem Hintergedanken haben sich einige meiner Kommilitonen um eine Stelle als Histo-Hiwi beworben, um den derzeitigen Zweitsemestrigen beim Mikroskopieren unter die Arme zu greifen.

Eine Stelle als Hiwi?

Im übrigen läuft nun die Anmeldefrist für die Bewerbung als PräpHiwi. In meinem Freundeskreis habe ich dafür durchaus Erstaunen geerntet, aber ich würde mich gerne bewerben.

,,Was? Da willst du nochmal hin? 5 Stunden plus, im kalten feuchten Präpsaal, mit der Leiche?”, fragte eine Kommilitonin ungläubig.

,,Denkt ihr nicht auch, ihr könntet den neuen Präperierenden so viel weitergeben? Tipps und Tricks. Schließlich wart ihr schon da, wo sie sein werden.”, erwiderte ich.

,,Ich weiß ja nicht, ich habe irgendwann so konfus gelernt. Naja. Ich könnte ihnen zumindest sagen, was sie nicht lernen sollten.”

,,Vier Module, zwei Klausuren und ein Eingangstestat ohne Lymphe zu lernen – Ka-Ching!”

Wir lachen. Am Bestehen hätten die Lymphknoten bei mir tatsächlich nichts geändert. 

Bedenken habe ich natürlich trotzdem. Wie ist es, wenn ich als Hiwi genommen werde und dann das Physikum nicht bestehe? Was wäre dann?

Aber ich schlucke den Gedanken herunter und nehmen ihn als weitere Motivation, es nicht soweit kommen zu lassen.

Den zukünftigen Dritties wünsche ich jedenfalls viel Erfolg bei Histo 2.

Empfehlungen dazu: Amboss-Histotrainer (Auditorfolgen sind selbst ohne Lizenz  verfügbar), Histo-Quiz-Freiburg (Freiburger Histologie-Kurs – Quiz (uni-freiburg.de)), Mymicroscope der eigenen Uni für die Differentialdiagnostik der Präparate und natürlich: viel Kuscheln mit der Renate.

Eingefleischte Freiburger Humanmediziner wissen, was ich meine.


Autorin:

Audrey

Coucou, mein Name ist Audrey und ich bin eine aufgeweckte Medizinstudentin aus Freiburg!

Derzeit befinde ich mich ich im vierten Fachsemester Humanmedizin der Albert-Ludwigs-Universität. Ich bin unternehmungslustig, neugierig und nehme mich selbst meistens nicht allzu ernst. Hier schreibe ich ehrlich und ungeschönt über das Medizinstudium, das Studentenleben und so manches anderes.

Mach dir doch einfach dein eigenes Bild. Bis dann!

Ärzte Versicherungen interessante Links

Auch noch interessant:

Prost! Im Biochemiepraktikum

Eine Bewegung am Fenster lässt mich aufschrecken. Nanu? Eine Dose Bier. Mir prostet ein junger Kerl zu. Sein Freund direkt neben ihm nickt beipflichtend. Ich drehe mich um. Eine Reihe hinter mir, meine Kommiltonin zwischen allerlei Gerätschaften. ,,Kennst du die?”- ,,Was ? Ne ich kenn die genauso wenig…

weiterlesen Prost! Im Biochemiepraktikum

9-EUR-Ticket? Selbst ist die Frau

Es war ein langer Tag. Viel gegeben. Viel geschafft, wenn auch nicht alles. Das übliche Spiel eben. Jetzt reicht es. Ich merke, wie meine Reizschwelle erreicht ist. Gearbeitet. Seminar besucht. Bib-Session. Kleine Häkchen auf meiner To-Do-Liste.  Jetzt nach Hause. Auf’s Fahrrad geschwungen. Tasche auf dem Gepäckträger. Auf den…

weiterlesen 9-EUR-Ticket? Selbst ist die Frau

Get ready with me: M1

Was man für die Anmeldung wissen sollte. Woran merkt man, dass man Erwachsen wird? Es sind sicherlich viele Dinge, die dieses Gefühl hervorrufen. Plötzlich freut man sich über Dinge, die man zuvor nie zu schätzen gewusst hätte. Andere Dinge hingegen bescheren keine Freude mehr. Der tägliche Blick in…

weiterlesen Get ready with me: M1